Aleksandra SOWA: Im digitalen Beichtstuhl
Wie im Internet grenzenlose Freiheit und Kommunikation in totale Kontrolle umschlagen

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Im digitalen Beichtstuhl
Wie im Internet grenzenlose Freiheit und Kommunikation in totale Kontrolle umschlagen

Aleksandra SOWA

Leitete zusammen mit dem deutschen Kryptologen Hans Dobbertin das Horst-​​Görtz-​​Institut für Sicherheit in der Informationstechnik. Sowa ist Autorin diverser Bücher und Fachpublikationen und begleitete u.a. als Mitglied der Internet Redaktion die Wahlkampftour des Bundeskanzlers a.D. Gerhard Schröder.

Ryc.: Fabien Clairefond

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.Das Smartphone: für die einen Folterinstrument, für die anderen digitale Devotionalie und mobiler Beichtstuhl. Mit Selbstbeleuchtung, Selbstprüfung und Selbstentblößung werden Daten produziert, die Unternehmen wie Staaten verkaufen oder als Machtinstrument nutzen können.

.Der Vorstoß des Apple-Chefs, Tim Cook, sich für Privatheit und Bürgerfreiheiten einzusetzen, indem sich das Unternehmen der Entscheidung eines US-Gerichts, dem FBI mit einer Software Zugriff auf das iPhone eines der San-Bernardino-Attentäters zu eröffnen, widersetzte, beeindruckte und polarisierte zugleich die Öffentlichkeit. Cooks Aussage „People have a basic right to privacy“ erlangte Kultstatus. Apple avancierte zum Privacy Champion der Silicon Valley – ein lukratives Image, das das Unternehmen stets ausbaut.

Tim Cook ist aber nicht der erste Apple-Manager, der sich gegen den Überwachungsstaat auflehnt. Zuvorgekommen ist ihm der legendäre Firmengründer Steve Jobs, der mit einem Werbespot, der 1984 während des Super Bowls ausgestrahlt wurde und der ankündigte: „On January 24th, Apple Computer will introduce Macintosh. And you’ll see why 1984 won’t be like ‚1984‘“. Apple inszinierte sich als Befreier vom Überwachungsstaat, erinnert Byung-Chul Han in Psychopolitik. Versetzt in eine orwellsche Welt, grau in grau, marschieren im Spot apathische Arbeiter in einen großen Saal, wo sie der fanatischen Rede von Big Brother auf dem Bildschirm folgen. Zwischen den Arbeiterreihen rennt eine blonde Frau in roten Sportshorts auf den Schirm zu, von der Gedankenpolizei verfolgt, schwingt einen Riesenhammer mehrmals durch die Luft und wirft ihn in den Bildschirm. Dieser explodiert effektvoll.[1]

Steve Jobs, der diesen Werbespot – und den Macintosh– persönlich präsentierte, wie auch viele andere Propheten der Digitalisierung und des Internets, feierte die neuen Technologien und das digitale Netz als ein Medium unbegrenzter Freiheit und Mobilität. „Diese anfängliche Euphorie erweist sich heute als Illusion“, schreibt Byung-Chul Han. „Die grenzenlose Freiheit und Kommunikation schlagen in totale Kontrolle um. Auch die sozialen Medien gleichen immer mehr digitalen Panoptiken, die das Soziale überwachen und gnadenlos ausbeuten. Kaum haben wir uns aus dem disziplinarischen Panoptikum befreit, da bewegen wir uns schon in ein neues, noch effizienteres Panoptikum hinein.“[2]

Dieses neue Panoptikum ist deswegen so unglaublich effektiv, weil seine Bewohner freiwillig an ihm partizipieren, sie bauen sogar aktiv mit: „Der digitale Big Brother lagert seine Arbeit gleichsam an seine Insassen aus.“ Er macht intensiven Gebrauch von der Freiheit, indem er sie missbraucht.

Die digitale Kontrollgesellschaft ist möglich dank freiwilliger Selbstbeleuchtung, Selbstprüfung und Selbstentblößung, „hier wird nicht gefoltert, sondern getwittert oder gepostet“[3]. Das Smartphone ersetzt die Folterkammer. Es dient zugleich als digitale Devotionalie und mobiler Beichtstuhl – das Like ist das digitale Amen.[4]

.„Big Data macht auf jeden Fall eine sehr effiziente Form der Kontrolle möglich“, so Han, es ermögliche einen 360-Grad-Blick auf die Insassen des digitalen Panoptikums (jenen 360-Grad-Blick übrigens, der jetzt häufig im Hinblick auf die Kunden oder Sicherheit in der Werbung angepriesen wird). Big Data verspricht allerdings viel mehr als die Statistik, der man schon zum Zeitpunkt ihrer Erfindung im 17 Jahrhundert die Fähigkeit zutraute, echtes Wissen von mythologischem Inhalt zu befreien. Der Dataismus, die zweite Aufklärung, wie Han die neue Phase der Datenanalyse nennt, verspricht nicht nur, dass wir die Gegenwart und die Geschichte verstehen, sondern auch die Zukunft. Und zwar echt, transparent und ohne emotionale oder ideologische Voreingenommenheiten. „Big Data macht womöglich unsere Wünsche lesbar, deren wir uns nicht eigens bewusst sind“[5], schreibt Han. Und führt das Micro-Targeting als Beispiel an, das in den US-Wahlen erfolgreich eingesetzt wurde.

Mittels Datenanalyse und Big-Data-Matching konnten in Bezug auf einzelne Wähler Prognosen über ihr Wahlverhalten getroffen und personalisierte Ansprachen für sie vorbereitet werden. Detaillierte Wählerprofile gaben Einblick in das Privatleben und die Präferenzen der Wähler. „Das Micro-Targeting wird zur allgemeinen Praxis der Psychopolitik“[6], so Han.

.Den Internetkonzernen geht es schon lange nicht mehr alleine ums Geld. Apple, das mit 1 Mrd. Nutzern und mehr als 200 Mrd. Dollar Umsatz über mehr Mittel verfügt als so manche Regierung, oder Facebook, das mit 1,6 Mrd. mehr Nutzer hat als die Population Chinas zählt, haben in den letzten Jahren enorme Macht und Einfluss akkumuliert. „Die Daten-Firma Acxiom handelt mit persönlichen Daten von rund 300 Millionen US-Bürgern, also von beinahe allen“, so Han, „Acxiom weiß inzwischen mehr über die US-Bürger als das FBI.“ Er geht deshalb in seiner Analyse weiter und zeigt das Potenzial von Big Data auf, als Instrument der neoliberalen Machtpolitik eine Krise der Freiheit herbeiführen zu können. „Die neoliberale Psychopolitik ist die Herrschaftstechnik, die mittels psychologischer Programmierung und Steuerung das herrschende System stabilisiert und fortführt“.[7]

Es stellt sich nun die Frage, welches System sich als herrschendes durchsetzen wird. Die sich selbst aufgebende Demokratie, oftmals in Zeiten der Krise, könne man überall in der Menschheitsgeschichte finden, sagte George Lucas im Kommentar zu seinem Film Angriff der Klonkrieger. Von Julius Caesar über Napoleon bis hin zu Adolf Hitler: In der Geschichte haben viele Demokratien unter Druck und angesichts schwieriger Zeiten zahlreiche ihrer Freiheiten einfach aufgegeben. Neu ist, dass „die Gefährdung bestehender Rechtsordnungen nicht primär von staatlicher Gewalt ausgeht“, so Yvonne Hofstetter, Autorin von Sie wissen alles,

„Die modernen Usurpatoren sind kommerzielle Internetorganisationen“. Die Macht verschiebt sich weg vom demokratisch legitimierten Staat – „hin zu Wirtschaftsbetrieben, die über unsere Daten verfügen – und die Schlüsseltechnologien, um sie auszuwerten“[8].

Ist angesichts dieser Entwicklungen die Politik nun handlungsunfähig und die Gesellschaft unmündig geworden? Nicht unbedingt. Die Internetkonzerne wecken nämlich verstärkt das Interesse der Regulierer. Facebook ist wegen seiner Vertragsbestimmungen zur Verwendung von Nutzerdaten und wegen des Verdachts auf Missbrauch einer möglichen marktbeherrschenden Marktstellung ins Visier des deutschen Bundeskartellamts gerückt.[9] Das Europäische Parlament möchte mit Standardisierung und einer smarten Regulierung den systemischen Risiken von Bitcoin und digitalen Währungen vorbeugen,[10] und die Friedrich-Ebert-Stiftung untersucht in einer aktuellen Studie die Regulierungsoptionen von Informationsintermediären.[11]

Der Bestsellerautor und Jurist, Victor Mayer-Schönberger, fragte kürzlich sein Publikum in Bonn, ob man tatsächlich glaube, als Einzelperson sein Recht auf Privatheit und Datenschutz gegen Internetkonzerne wie Google oder Facebook durchsetzen zu können. Es dürfte ziemlich klar sein, wie aussichtslos dies sei. Gesellschaftliche, kollektive Lösungen müssten her. Welche? Das sparte er sich für sein nächstes Buch auf. Deutlicher wurde Stanislaw Lem, als er im Jahr 2005 dem Magazin Cicero ein Interview gab: „Manche Marktfetischisten hätten es am liebsten, es gäbe gar keine Regierung mehr und alles würde von dieser Maschine namens Kapitalismus gesteuert. Das ist natürlich Nonsens“, sagte er, „die Menschen sind Raubtiere“[12].

Aleksandra Sowa

[1] https://www.youtube.com/watch?v=R706isyDrqI (Zugriff am 23.4.2016). [2] Han, Byung-Chul, 2014. Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken. Fischer Verlag: Frankfurt, S. 18. [3] Ebenda, S. 54. [4] Ebenda, S. 23. [5] Ebenda, S. 87. [6] Ebenda, S. 86. [7] Han, Byung-Chul, 2014. Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken. Fischer Verlag: Frankfurt, S. 105. [8] Hofstetter, Yvonne, 2015. “Verkannte Revolution: Bid Data und die Macht des Marktes”, in: APuZ 11-12/2015, S. 33-38. [9] https://www.tagesschau.de/eilmeldung/facebook-kartellamt-101.html (Zugriff am 23.4.2016). [10] http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-%2f%2fEP%2f%2fNONSGML%2bCOMPARL%2bPE-575.277%2b01%2bDOC%2bPDF%2bV0%2f%2fEN (Zugriff am 23.4.2016). [11] Schulz, Wolfgang und Dankert, Kevin 2016. Die Macht der Informationsintermediäre: Erscheinungsformen, Strukturen und Regulierungsoptionen. Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.), http://library.fes.de/pdf-files/akademie/12408.pdf (Zugriff am 23.4.2016). [12] Cicero, 2005. „Wir Menschen sind Raubtiere“, Interview mit Stanislaw Lem, in: Cicero, 11/2005, S. 36-38.

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