Aleksandra SOWA: "Anonymous im Krieg gegen den Islamstaat. Mit LULZ gegen Terrorismus"

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Anonymous im Krieg gegen den Islamstaat. Mit LULZ gegen Terrorismus

Aleksandra SOWA

Leitete zusammen mit dem deutschen Kryptologen Hans Dobbertin das Horst-​​Görtz-​​Institut für Sicherheit in der Informationstechnik. Sowa ist Autorin diverser Bücher und Fachpublikationen und begleitete u.a. als Mitglied der Internet Redaktion die Wahlkampftour des Bundeskanzlers a.D. Gerhard Schröder.

Ryc.: Fabien Clairefond

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Die Aktivistengruppe Anonymous ruft zu Angriffen auf die Websites auf, hinter denen Mitglieder oder Sympathisanten des Islamischen Staates (ISIS) vermutet werden. Politik und Behörden lassen sie vorerst gewähren. Ein Bündnis mit dem bisherigen Staatsfeind Nummer eins? Eher eine kurze Liaison.

„Das 20. Jahrhundert“, schrieb Albert Camus kurz nach dem der zweite Weltkrieg zu Ende war, „ist das Jahrhundert der Angst“. „Wir leben im Terror“, schrieb er 1946 in der Zeitung Combat, „weil wir in einer Welt der Abstraktion leben, einer Welt der Büros und der Maschinen, der absoluten Ideen und des undifferenzierten Sektierertums“.

Seitdem sind fast siebzig Jahre vergangen.

Nach den Anschlägen in Paris und mehr oder minder gelungenen Anschlagsversuchen in anderen europäischen Staaten, u.a. Deutschland und Großbritannien, leben wir offenbar schon wieder im Terror. Ganz sicher leben wir in Angst, wie die neusten Umfrageergebnisse bestätigen. Wie beispielsweite The Chapman University Survey on American Fears, das Ende des Jahres 2015 veröffentlicht wurde. Für die Amerikaner steht Cyberterrorismus sehr weit oben auf der Liste der größten technologiebezogenen Angstmacher.

Vor siebzig Jahren tat sich angesichts des Terrors ein „fataler Graben“ zwischen dem politischen Bewusstsein und der historischen Realität auf, kritisierte Camus, indem die Staaten mit einer in den ersten Jahren der Industrierevolution des 18. Jahrhunderts verankerten Denkart des kapitalistischen Liberalismus auf die Epoche der Atombombe zu reagieren versuchten. Auch nach den aktuellen Terroranschlägen scheinen den Regierungen wirksame Konzepte zu fehlen. Deswegen gehen sie offenbar Allianzen und Liaisons ein, die vor wenigen Jahren noch undenkbar schienen.

Wie das Zeitbündnis mit dem Hackerkollektiv Anonymous.

„Anonymous erklärt dem Islamstaat den Krieg“ – so kommentierten die Medien das kurz nach den Anschlägen in Paris von der Gruppe Anonymous auf YouTube veröffentlichte Video. Darin kündigte ein mit Guy-Hawkes-Maske verhülltes Gesicht an, gezielte Angriffe auf islamistische Websites und die elektronische Kommunikation mit islamistischen Inhalten zu starten.

Mit den Operationen unter den Hashtags #OpParis und #OpISIS kündigte Anonymous an, die Internetplattformen mit islamistischen Inhalten aufzuspüren und systematisch zu zerstören.

Dabei sollen die Betreiber und Nutzer der Seiten, hinter welchen Mitglieder oder Sympathisanten des ISIS vermutet werden, entlarvt und veröffentlicht werden. Auch die Propagandavideos im Internet sind das Ziel der Aktivisten. Die Mitglieder von Anonymous sammeln ebenfalls Namen von Twitter-Accounts mit islamistischen Inhalten und übergeben sie an die US-Behörden. Mehrere Tausende dieser Accounts sollen inzwischen von den Betreibern und/oder von der Polizei vom Netz genommen worden sein.

.Doch Anonymous wäre nicht Anonymous, wenn es auch bei der Bekämpfung des ISIS keinen Spaßfaktor gäbe. Der 11. Dezember wurde zum „ISIS Trolling Day“ ausgerufen, die japanischen Hacker veröffentlichen eine ISIS-Manga und die Fotos von im Netz mit Karabinern posierenden Terroristen wurden mit Mickey Mouse und Donald Duck Gesichtern „geschmückt“. „Wir werden sie als die Idioten verspotten, die sie sind“, kündigte auf GhostBin ein Mitglied des Kollektivs an. Unter dem Hashtag #Daesh sollten unter anderem „komische Fotos“ gepostet werden. Facebook, Twitter, Youtube, aber auch „echte Welt“ sollten von der Aktion betroffen werden. Mitmachen konnte – wie üblich – jeder.

„Wir sind Anonymous. Wir sind Legion. Wir vergeben nicht. Wir vergessen nicht. Rechnet mit uns!“, so lautet die Beschwörungsformel der internationalen Hackergruppe, in der einige Experten eine Anspielung auf ein Bibelzitat erkennen. Das berühmteste Hacker-Kollektiv geht bei seinen Aktionen in gewohnter Manier vor: Einer Ankündigung auf dem Internetkanal YouTube folgt der Aufruf per Text und Video, über Twitter und Sozialnetzwerke. Das ist der Propagandateil der Anonymous-Arbeit, das „Crowdsourcing“. Parallel dazu erfolgen Aktionen im Internet, Distrubuted-Denial-of-Service-Attacken (DDoS) sowie Serverblockaden, Sabotage, Einbrüche in Systeme und Server, Diebstahl von Daten, manchmal sogar Cyber-Vandalismus. „Sprich nie über Anonymous, enthülle nie deine wahre Identität und greif nicht die Medien an, denn die brauchen wir, um unsere Botschaften zu verbreiten“, fasste Parmy Olson in Inside Anonymous die wenigen Regeln der Hacker zusammen.

.Die weiße Grinsemaske der Anonymous, die aus der Protestbewegung Occupy Wall Street gar nicht mehr wegzudenken und zum Symbol des Kampfes gegen Pädophilie im Internet geworden ist, steht für mehr. Wie kaum eine andere Aktivistengruppe verkörpert Anonymous die anarchistische Vision des Internets: „Manchmal verfolgt Anonymous ein übergeordnetes Ziel, eine schlichte Vorstellung von Gerechtigkeit“, schreiben Reissmann, Stöcker und Lischka in We Are Anonymous – Die Maske des Protests. „Mal setzen sich die Aktivisten für die Netzfreiheit ein und enttarnen fragwürdige Aufträge von Behörden an Sicherheitsfirmen […]. Mal sind sie die Helden des digitalen Zeitalters, die Jedi-Ritter des Internets, sozialkritische Aktivisten. Im nächsten Moment aber fallen sie über ein zufällig ausgewähltes Opfer her […], und lachen über ihre anarchischen Späße.“

Die Unberechenbarkeit – und der sogenannte LULZ-Faktor – beschert Anonymous Bewunderung, Popularität – aber auch scharfe Kritik. Operationen wie #OpPedoChat gegen Pädophilie im Netz oder #OpISIS nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo haben die Sympathiewerte für Anonymous in die Höhe schnellen lassen. Dennoch gerieten ihre Aktionen auch in die Kritik, vor allem vonseiten der Polizei, den Behörden und der Politik. So kritisierte beispielsweise ein Sprecher des Landeskriminalamtes in Düsseldorf beim WDR1 die ungesetzlichen Methoden der Hacker-Gruppe gegen die pädophilen Inhalte im Internet als „nicht tolerierbar“. Insbesondere die Veröffentlichung der Identitäten von Nutzern und Betreibern von Internetportalen mit pädophilen Inhalten wurde als ein Akt der Selbstjustiz bewertet und kam in der Politik nicht gut an.

Solche „Lynchjustiz“ gedeiht im Netz ganz besonders und trifft nicht nur die „Bösen“. Die Anonymous-Aktivisten, die durch die Welt verstreut und oft am Rande der Gesellschaft agieren, sind in der Lage, die Regierungen und die mächtigen Institutionen dieser Welt zu schwächen, indem sie entweder ihre Webseiten u/o interne Informationssysteme angreifen oder diese mit DDoS-Attacken lahmlegen.

Doch Anonymous wurde in den vergangenen Jahren durch Festnahmen seiner besten Hacker stark geschwächt. Die frühe Hacker-Generation darf sich aufgrund von Verurteilungen und laufenden Ermittlungen dem Rechner bis auf Weiteres nicht nähern. Viele Hacker sind aus dem Untergrund aufgetaucht und betreiben nun kommerzielle Firmen, die im Auftrag der Unternehmen oder Behörden gezielte Attacken simulieren und Stresstests durchführen.

Anonymous ist ein gutes Beispiel für die sogenannte „Spontanzeugung“ des Internets.

.Das Kollektiv ist durch die Welt verstreut, die Mitglieder kennen sich meistens nicht und handeln nur sporadisch. Diese Fragmentierung ist allerdings kein Handicap, denn dank des Netzes kann Anonymous aufsehenerregende, überraschende und in ihrer Schlagkraft erschütternde Aktionen durchführen. Anonymous verbreitet immer noch Angst und Schrecken unter öffentlichen und privaten Einrichtungen. Liaison gegen den ISIS hin oder her.

Das YouTube-Video und die Begleitung auf Twitter unter #OpParis und #OpISIS gelten als Aufruf an die Hacker-Gemeinde, sich an den Attacken auf die islamistischen Inhalte im Netz zu beteiligen. Jeder, der weiß, wie es geht, kann mitmachen. Es gibt passende Anleitungen im Netz: „The Noob Guide“ für die Anfänger, in dem die Nutzung von TOR und die Grundlagen der DDoS-Attacken erläutert werden (nicht anwenden ohne vorherige Anleitung!), „Twatter Reporter“, der hilft, die IDs der ISIS-Twitteraccounts zu identifizieren, oder „Search Terms“, um nach Websites mit ISIS-Inhalten zu suchen und diese den Behörden zu melden. Mit den Anleitungen, die detailliert beschreiben, wie man die entdeckten Seiten und Accounts angreift, kann man „üben“ und sich auf den Start der Aktion vorbereiten. In gewohnter Manier will Anonymous einige konzertierte Angriffsaktionen starten. Zeitpunkt: wie immer unbekannt.

Doch zur Durchführung derart effektvoller Hacker-Angriffe sind nicht viele fähig. Und die wirklich wenigsten sind in der Lage, ihre Identität dabei geheim zu halten und ihre Spuren effektiv zu verwischen. „Eine Frau verführen, das kann jeder Dummkopf. Doch an der Art, wie er sie verlässt, daran erkennt man den reifen Mann“, schrieb in einem anderen Zusammenhang Milan Kundera. So ähnlich verhält es sich mit einem Hacker-Angriff. In einen Computer einzubrechen – das kann heute auch einem Schüler gelingen. Keine besondere Ausbildung ist nötig. Oft reicht ein Computer mit Netzzugang und etwas Glück, wie das Beispiel des rumänischen Hackers Guccifer zeigt. Er entwendete und veröffentlichte private E-Mails des Bush-Clans des ehemaligen US-Präsidenten. Das Know-how eignete sich der ehemalige Taxifahrer im Internet an, die Passwörter zu der Mailbox hat er einfach erraten.

.Die wesentlichen Unterschiede zwischen den guten und den gelegentlichen Hackern beschrieb sehr treffend der US-Sicherheitsguru Bruce Schneier in Secrets and Lies: Galileo sei ein Hacker gewesen. Madame Curie war es auch. Aristoteles sei dagegen kein Hacker gewesen; er hatte eine Art theoretischen Beweis, dass Frauen weniger Zähne hätten als Männer. Ein Hacker würde die Zähne seiner Frau einfach durchzählen. Ein guter Hacker würde die Zähne seiner Frau durchzählen, ohne dass sie es mitkriegte, während sie schlief. Ein guter böser Hacker würde sogar einige von den Zähnen entfernen, einfach um zu prüfen, ob es geht.

Ein erfahrener Hacker weiß, wie man nach einem erfolgreichen Angriff seine Spuren verwischt, die Beweise für seine Aktivitäten in Systemen entfernt oder verschwinden lässt. Das Risiko, welchem sich also die jungen unerfahrenen Hacker aussetzen, ist das Risiko, entdeckt zu werden. Allerdings liegt diesmal die wesentliche Gefahr weniger darin, von den Geheimdiensten oder der Polizei aufgespürt zu werden. Hier könnte es um Racheakte und Menschenleben gehen.

.Doch gerade jetzt hält sich die Kritik der Politik und Strafverfolgungsbehörden an der Anonymous-Aktion in Grenzen. Obwohl die Aktion selbst in der diffusen Anonymous-Gemeinde nicht unumstritten ist. Sie stellt offenbar eine willkommene Hilfe dar, sollte sie im erwarteten Erfolg münden. Frühere Feinde arbeiten Hand in Hand: Anonymous meldet die Seiten und Twitter-Accounts mit ISIS-Inhalten an die Behörden, die ihrerseits die Sperrung vornehmen können. Ein Zweckbündnis auf Zeit – keine Zweckehe, eher eine kurze Liaison, die den noch sichtlich überforderten Geheimdiensten und Politik nicht unwillkommen ist.

Aleksandra Sowa

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