Aleksandra SOWA, Natalia MARSZAŁEK: Christian Kracht.
Antimodern, demokratiefeindlich – und ungemein lesenswert

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Christian Kracht.
Antimodern, demokratiefeindlich – und ungemein lesenswert

Aleksandra SOWA

Leitete zusammen mit dem deutschen Kryptologen Hans Dobbertin das Horst-​​Görtz-​​Institut für Sicherheit in der Informationstechnik. Sowa ist Autorin diverser Bücher und Fachpublikationen und begleitete u.a. als Mitglied der Internet Redaktion die Wahlkampftour des Bundeskanzlers a.D. Gerhard Schröder.

Ryc.: Fabien Clairefond

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Natalia MARSZAŁEK

Absolventin der Fachrichtung Innere Sicherheit mit Spezialgebiet System- und Informationssicherheit. Liest Fantasy. Liebt Hohe Tatra. Schreibt Prosa.

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Berlin im Ausnahmezustand. Feierlaune in der Republik gekippt. Anschlag oder doch ein Unfall? Je weniger Hintergründe, desto besser, scheint das Erfolgsrezept des Innenministers zu sein. Die Bürger würden es nicht verstehen, seine Auffassung. Dass man mit klaren Worten in Deutschland keine Massen begeistern kann, zeigt einer. Er ist kein Politiker. Sein Name: Christian Kracht.

.Christian Kracht. Jahrgang 1966. Geboren in der Schweiz. Lebt in Los Angeles. Journalist, Schriftsteller, weitgereist. Im Jahr 1995 gelang ihm mit dem Roman Faserland der große Coup, der ihn auf den Olymp der deutschen Popkultur hinaufkatapultierte. Einer Literaturgattung, die in den USA der 40er-Jahre ihren Ursprung hat und ursprünglich Kritik an den verkrusteten Strukturen der US-Gesellschaft übte. In Deutschland scheint der Trend spät angekommen zu sein, man könnte fast von Wiederauferstehung sprechen, vertreten durch u.a. Benjamin von Stuckrad-Barre, Elke Naters und Alexa Hennig von Lange.

Es war Kracht, der der Öffentlichkeit verriet, wo die deutschen Neureichen zur Schule gehen (Salem), wo und wie sie Urlaub machen (Sylt) und wie viel sie ausgeben (viel, aber nicht immer und nicht für alles). Ein Dekadenter berichtet aus der Welt der Dekadenz. Weder bewertend noch abwertend. Als würde er einfach vor sich hin faseln. Einen Anfang gibt es nicht, ebenso wenig ein Ende. Dem Romanhelden ist es im Grunde genommen ziemlich egal. Wie auch dem Autor. Und zwar alles. Wenigstens soll der Leser daran glauben. Und das tut er.

Die deutschen Literaturkritiker mögen Christian Kracht nicht. In meinungsbildenden Medien bekamen seine Romane schlechte Kritiken. Selten neutrale. Noch seltener gute. Man kann es sich schon fast zur Regel machen, dass, je mehr sich die Presse auf ein Buch stürzt, desto lesenswerter es ist. Kracht führt den Deutschen ihre Schwächen vor Augen: ihre Unfähigkeit, am Fortschritt teilzuhaben, ihre „makellose Todessucht“, ihre „animalische Lust an der Unterdrückung“, ihre Hypokrisie. Wenn er beispielsweise in Der gelbe Bleistift über den deutschen Investitionsgeist in Baku berichtet: „Es klappt nicht, nee, keine Lust, oder ich bin nicht zuständig, das schienen die Sätze zu sein, mit denen sich die Deutschen ins nächste Jahrhundert hinüber katapultieren wollen.“ Oder wenn er in Imperium Berlin als „Reichshauptstadt spielende Provinzmetropole“ bezeichnet.

Kracht mag die Deutschen auch nicht. Oder doch? Würde er ihnen sonst einen Spiegel vorhalten, in dem sie ihre Mängel erkennen können? Nicht nur den Deutschen übrigens. Dennoch, das verzeiht man ihn ganz gewiss nicht. Er, ein Ausländer. Und was noch unverschämter ist, er belehrt nicht, verbessert nicht, erteilt keine guten Ratschläge, wie man es anders oder besser machen könnte. Egal, ob in seinen Reisereportagen oder Fiktionen. Wie in dem Abenteuerroman Imperium, der Anfang des 20. Jahrhunderts spielt und von einem aus Nürnberg stammenden Ur-Hippie handelt, der in Deutsch-Neuguinea eine Kokovoren-Kolonie gründen möchte. Kracht erzählt unenthusiasmiert. Wie Kracht eben. Er hat mit der Geschichte Frieden geschlossen. Die Deutschen mit ihrer aber immer noch nicht.

Kracht im Original lesen heißt, vergessen, dass Deutsch eine Militärsprache ist. Eine Sprache, die im vergangenen Jahrtausend sehr oft beim Brüllen von Befehlen gehört wurde. Gescheitert der Versuch deutscher Romantiker, ihr zwanghaft eine gewisse Ästhetik zu verleihen. Wodurch das Geschriebene zunehmend unverständlicher wurde und sich eine Kluft zwischen der Literatur- und der Umgangssprache auftat. Daran müssen heute noch Reihen von außerhalb Deutschlands ausgebildeten Germanisten glauben, die nach einem Goethe-Studium versuchen, eine Sprachprüfung zur Aufnahme an einer deutschen Universität abzulegen. Um es mit Worten von Jules Renard zu paraphrasieren: „Mallarmé, unübersetzbar sogar ins Französische“.

Wenn jemand vor Kracht der deutschen Sprache so viel Raffinesse und „beseelte Luzidität“ verliehen hatte, dann war es ein anderer Schweizer, der Dramaturg Friedrich Dürrenmatt. Noch etwas haben Kracht und Dürrenmatt gemeinsam: Die hervorragenden Kriminalromane Dürrenmatts sucht man vergeblich in polnischen Buchhandlungen. Krachts Romane ebenfalls.

Warum eigentlich? Was möchte man den polnischen Lesern etwas vorenthalten? Vor schwierigen Inhalten oder der „mesmerisierenden Bedrohung“ beschützen? Dafür fällt einem sofort ein geeigneter Kandidat ein: die krachtsche Dystopie Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten. Ins polnische übertragen von Dorota Stroińska: Tu będę w słońcu i cieniu. (Sehr) frei übersetzt: Nu, zajac, pogodi!

Die Handlung (erfährt man aus dem Umschlagtext): Lenin steigt nicht in den Zug, der ihn aus der Schweiz nach Petersburg bringen sollte. Die große Revolution vollzieht sich nicht in Russland, sondern im Land der Eidgenossen, in der Schweiz. Pardon: in der Schweizer Sowjet Republik (SSR). Und die Schweizer – denn anders würde man es von den Schweizern nicht erwarten – machen es richtig. Die gerechteste politische Theorie wird in diesem Szenario nicht an der praktischen Umsetzung scheitern. Schweizer führen Krieg gegen den andersmeinenden Rest Europas, mit wechselndem Erfolg haben sie sich bis nach Afrika durchgearbeitet. Bringen den Menschen dort Straßen, Schulen und Elektrizität in die entlegensten Dörfer. Als Gegenleistung erhalten sie die im Krieg am schnellsten verschleißende Ressource: Soldaten. Diese Schweizer Effizienz und Effektivität scheinen unaufhaltsam. Oder doch nicht?

So politisch unkorrekt auch die Dystopie Krachts sein mag, so unmodern und antidemokratisch das Denken des Autors für die Kritiker ist, sie ist vor allem eins: unbequem. Der Kenner der Schweizer Gesellschaft, in der man zwölf Jahre – ein positives Testat der Nachbarn vorausgesetzt – auf Einbürgerung wartet, könnte die Idee einer eidgenössischen Multikultigesellschaft sympathisch finden. Klar ist: Das kapitalistisch-demokratische System hat diese nicht hervorgebracht. Gleichzeitig weckt das Europa, das nicht über seinen Schatten springen kann und jahrzehntelang einen Krieg der politischen Systeme führt, egal, wer auf der anderen Seite steht, wenig Sympathie. Nur die alten Kalten Krieger sehnen sich noch nach dem Kalten Krieg. Bei Kracht sehnt sich die Natur nach Frieden.

Für alle, die Angst davor haben, durch die Utopien Krachts indoktriniert zu werden, gibt es eine gute Nachricht: Der neueste Roman von Christian Kracht, Die Toten, handelt vom – von vorneherein zum Scheitern verurteilten – Versuch der deutschen und japanischen Filmindustrie, Hollywood Paroli zu bitten. Dass der Versuch aussichtslos ist, wissen die Romanhelden natürlich nicht, denn dieser spielt um 1920. Harakiri, Drittes Reich, Spione und Film Noir – Kracht pur sang.

.Die Auswahl ist da. Mal schnell überlegen, wer gerade Feind, wer Freund ist, und dann nichts wie los an die Übersetzung. Hoffentlich ändern sich die politischen Machtverhältnisse nicht erneut, bevor die Übersetzung fertiggestellt ist. Nicht nur metaphorisch, sondern in realitas.

Aleksandra Sowa
Natalia Marszałek

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