Bartosz MARCZUK: Wir bauen die demografischen Verluste aus dem Jahre 1939 wieder auf

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Wir bauen die demografischen Verluste aus dem Jahre 1939 wieder auf

Bartosz MARCZUK

In den Jahren 2015–2018 Vizeminister für Familien, Arbeit und Sozialpolitik, verantwortlich für Familienpolitik, heute Vizevorsitzender des Polnischen Entwicklungsfonds.

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Es gibt nichts Wertvolleres als Menschen. Das ist die kostbarste Ressource, die ein Staat besitzt. Nach der demografischen Hekatombe des Zweiten Weltkriegs sind wir in Polen besonders motiviert, Familien zu unterstützen – Bartosz MARCZUK

.6 Millionen ermordete, verhungerte und misshandelte Menschen. Das ist die Bilanz der polnischen Bevölkerungsverluste während des Zweiten Weltkriegs. Wir haben 22 % der Bevölkerung verloren, d. h. pro 1000 Einwohner sind 220 umgekommen. Kein anderes Land auf der Welt hat solch einen fürchterlichen Preis für den Widerstand gegen den deutschen Wahnsinn der Welteroberung gezahlt. Zum Vergleich waren es im Falle der USA 3 Personen pro 1000, in Belgien – 7, in Großbritannien – 8, in Frankreich – 15 und in der UdSSR – 116.

Der Verlust von so vielen Menschen, oftmals Intellektuellen, Offizieren, herausragenden Vertretern der polnischen Gesellschaft – die Politik dieser Exterminierung wurde bewusst sowohl von den Deutschen als auch den Sowjets gesteuert – hinterließ einen bleibenden Abdruck in unserer heutigen Gesellschaft. Später dann, als wir der Europäischen Union beigetreten sind, haben wir ca. 2 Millionen Menschen verloren, die aus wirtschaftlichen Gründen Polen verlassen haben. Die Geburtenrate sank 2015 auf gerade mal 1,3. Hierbei muss aber daran erinnert werden, dass ein Volk eine Rate von 2,1 haben muss, um zu überleben. Uns droht also ein demografischer Kollaps – in 20-30 Jahren werden wir nur noch ca. 30 Millionen sein. Heute leben in Polen ca. 38 Millionen Menschen.

Wir müssen unser von den Deutschen und Russland zerstörtes Potenzial wiederaufbauen. Der polnische Staat hat auf eine mutige und weitreichende Sozialpolitik gesetzt. Das sieht man bspw. bei den Ausgaben für Familien aus dem Zentralbudget. Noch vor vier Jahren, im Jahre 2015, gab Polen 1,8% des BIP aus. Im Jahre 2020 wiederum werden es über 4% sein. Das ist eine Steigerung um über 100% in solch einer kurzen Zeit. Das ist die beste von allen möglichen Investitionen.

Die polnische Familienpolitik stützt sich – ähnlich wie ein solider Tisch – auf vier Beinen:

– finanzielle Unterstützung für Familien – hier u. a. das 2016 eingeführte Programm „Familie 500+“, also die allgemeine Unterstützung für Familien mit Kindern (ca. 120 € für jedes Kind, ca. 1/3 des Durchschnittsgehaltes), oder das Programm „Guter Start“, also 300 PLN (80 € pro Schüler/-in) für Schulbücher und Schreibutensilien,

– die Weiterentwicklung von Dienstleistungen – hier u. a. die sog. Karte der Großfamilie, d.h. ein Netzwerk an Rabatten für große Familien, oder der spektakuläre Anstieg von Betreuungsplätzen für kleine Kinder bis 3 Jahren,

– eine Strategie für den Arbeitsmarkt – dies betrifft u. a. die Einführung eines Mindeststundenlohnsatzes (Abschaffung von Arbeit für geringfügige Sätze), die Erhöhung des Mindestgehalts, phantastische Arbeitslosenquoten (laut Eurostat unter 4%, also die niedrigste Quote seit 30 Jahren, womit Polen zu den Ländern mit den wenigsten Arbeitslosen in Europa gehört) sowie der Anstieg der Beschäftigtenzahl,

– Werte – u. a. die Affirmation der Familie und der Ehe, die als Verbindung einer Frau und eines Mannes verstanden wird, die Wertschätzung der Mutterschaft (u. a. die Garantie der Mindestrente für Mütter von mindestens vier Kindern auch wenn sie nie gearbeitet haben).

Damit die Politik zur Steigerung der Geburtenrate effektiv ist, müssen fünf Kriterien erfüllt werden – sie muss komplex und langfristig sein, die lokalen Bedürfnisse befriedigen, viele Akteure einbinden (nicht nur den Staat, aber auch NGOs oder die kommunale Selbstverwaltung) und letztendlich kann sie nicht ohne das nötige Geld realisiert werden. Deswegen sind auch das Wirtschaftswachstum und die wirtschaftliche Situation entscheidend. Hier können wir uns auch loben – das Wirtschaftswachstum in Polen beträgt seit drei Jahren ca. 5%.

Wir glauben daran, dass diese Maßnahmen in einem Rückgang der demografischen Negativtrends resultieren werden. Wir sind nicht zu Fatalismus verurteilt. Man sieht bereits die ersten Resultate. Die Geburtenrate ist binnen der letzten drei Jahre um 12%, von 1,29 auf 1,45 gestiegen. Im Jahre 2018 sind knapp 400 Tausend Kinder geboren worden, die Prognosen sprachen jedoch von 345 Tausend. Es ist schier phänomenal gelungen, die Armut unter den Jüngsten einzudämmen – innerhalb von zwei Jahren ist diese Rate um über 50% gesunken. Auch die Emigration konnte gestoppt werden – das Jahr 2017 war das erste Jahr seit langem, in dem die Anzahl der Polen im Ausland gesunken ist.

Wir sind nicht zu einer Drift verurteilt. Wir glauben daran, dass eine intelligente Politik in den Bereichen Sozialwesen, Wirtschaft und Familie, die auf der Überzeugung des großen Werts eines jeden polnischen Staatsbürgers fundiert, die erhofften Resultate nach sich zieht. Könnte es sein, dass es 2050 nicht die von Demografen prognostizierten 30 Millionen, sondern 40 Millionen von uns sind? Ich denke, dass eine Fortsetzung von all dem, was zurzeit in Polen passiert, es uns erlaubt, immer gewagter daran zu glauben. Wir werden die Verluste aus diesem fürchterlichen Krieg wieder wettmachen.

Bartosz Marczuk

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