Prof. Michał KLEIBER: An diesem Tag kam die polnische Wissenschaft zum Stillstand

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An diesem Tag kam die polnische Wissenschaft zum Stillstand

Prof. Michał KLEIBER

Ehemaliger Vorsitzender der Polnischen Akademie der Wissenschaften.

Ryc.: Fabien Clairefond

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Der Angriff der Deutschen auf Polen am 1. September 1939 war ebenfalls ein Angriff auf die polnische Wissenschaft. Die polnischen Eliten und Universitäten wurden zum Ziel.

Die Jahre vor dem 1. September 1939 waren eine Zeit intensiver Aufarbeitung der Verluste nach dem Ersten Weltkrieg und nach 123 Jahren ohne unabhängigen polnischen Staat. Besonderes Augenmerk legten die polnischen Politiker auf die Entwicklung der Wissenschaft und Bildung, vor allem des Hochschulwesens. Im Jahre 1938 gab es in Polen 15 staatliche Hochschulen, ungefähr genauso viele waren privat. Diese Schulen beschäftigten insgesamt 4500 wissenschaftliche Mitarbeiter, darunter 900 Professoren. In vielen Bereichen erreichten die polnischen Gelehrten Weltklasseniveau, wie bspw. in der Mathematik, Physik, der Geologie, Biologie, Soziologie, Philosophie oder Geschichtswissenschaft.

Der 1. September 1939 hatte diesen Prozess aufgehalten. Die zerstörerische Aktivität der Besatzer bewirkte die Schließung aller polnischen Hochschulen und wissenschaftlichen Institutionen, die zudem geplündert und zerstört wurden. Auf die Wissenschaftler und Studierenden wartete die Hölle.

Für die Besatzer war es klar, dass die Bedingung einer effektiven Germanisierung der Polen die Zerstörung der polnischen Intellektuellen war. Dramatische Beispiele für die geplanten Terroraktionen und Deportationen waren die sog. Sonderaktion Krakau im November 1939, in deren Rahmen 183 Professoren der Jagiellonen-Universität und der Bergbauakademie in Krakau in das KZ Sachsenhausen deportiert wurden, sowie die sog. Aktion AB (Mai-Juli 1940), während der über 3000 Menschen ermordet wurden, darunter viele Vertreter der Wissenschaft.

Die Wissenschaftler, denen es gelang, nicht erschossen oder in ein Lager deportiert zu werden, versanken in einer beruflichen Nichtexistenz. Konspirative Aktivitäten dienten der Verteidigung der Wissenschaft und der Hochschulbildung vor dem Albtraum der Besatzung. Trotz des massiven Terrors verfügte die konspirative Bildung über eine große Reichweite und ihre Erschaffer haben sich durch ihren Mut sowie ihre Arbeit unter lebensbedrohlichen Konsequenzen die Dankbarkeit der kommenden Generationen ihrer Landsleute verdient.  

Polnische Wissenschaftler wanderten sowohl während des Krieges als auch danach aus, da sie in der Realität des Realsozialismus nach dem Krieg keine Möglichkeit sahen, ihren wissenschaftlichen Ambitionen nachzugehen. Das war ein enormer Verlust – der Wiederaufbau der polnischen Wissenschaft hätte sicherlich viel schneller vonstattengehen können, wenn die während des Krieges ausgewanderten Gelehrten nach Polen zurückgekehrt wären. Unter ihnen befanden sich u. a. Henryk Magnuski, der Konstrukteur des ersten Walkie-Talkies, welches bei der amerikanischen Armee eine breite Verwendung findet, Tadeusz Sendzimir, auch bekannt als „Edison der Metallurgie“, ein Erfinder, der das weltweite Hüttenwesen revolutioniert hat, oder Hilary Koprowski, der Entdecker der Impfung gegen Polioviren, die für die Kinderlähmung verantwortlich sind. 

Das enorme Ausmaß der zivilisatorischen Verluste Polens im Zuge der Morde und Deportationen von wissenschaftlichen Mitarbeitern auf der einen und ihrer Emigration auf der anderen Seite trug zu langjährigen Verspätungen bei der Ausbildung von Fachkräften in einer modernen Volkswirtschaft nach dem Krieg bei. Polen wurde bei seiner Entwicklung aufgehalten. Und nur der außergewöhnlichen Leidenschaft, dem Wissen und den Begabungen vieler Polen verdanken wir unseren Wiederaufbau und neue Energie.

Prof.Michał KLEIBER

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