Prof. Adam GLAPIŃSKI: Zentralbankwesen nach der Pandemie - Chancen und Herausforderungen Prof. Adam GLAPIŃSKI: Zentralbankwesen nach der Pandemie - Chancen und Herausforderungen

Zentralbankwesen nach der Pandemie - Chancen und Herausforderungen

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Prof. Adam GLAPIŃSKI

Präsident der Narodowy Bank Polski. Professor für Wirtschaftswissenschaften, Dozent an polnischen und ausländischen Universitäten. Seit den 1990er Jahren bekleidete er wichtige Positionen in der staatlichen Verwaltung. Er führte den Vorsitz in den Aufsichtsräten verschiedener Unternehmer. Seit vielen Jahren ist er bei der NBP als Mitglied des Rates für Geldpolitik und des NBP Vorstands tätig. Mitglied der International Joseph A. Schumpeter Society.

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.Die alten Griechen hatten in den meisten Fällen recht, aber leider kannten sie das Konzept der Beschleunigung nicht, oder zumindest hatten sie nicht das mathematische Instrumentarium, um sie formal zu beschreiben. Es musste Jahrhunderte gedauert haben, bis wir dank Galilei, ja eigentlich erst dank Newton, verstanden haben, dass die Beschleunigung – also die zeitliche Änderungsrate der Geschwindigkeit – immer mit dem Aufbringen einer Kraft verbunden ist. Die letzten Monate lehren uns, dass das zweite Gesetz der Dynamik nicht nur nützlich ist, wenn wir einen Satelliten in die Umlaufbahn bringen wollen, sondern auch, wenn wir versuchen, die wirtschaftlichen Ereignisse in Polen und in der Welt während einer Pandemie zu verstehen, für die der Schlüssel zur Interpretation eben das Phänomen der Beschleunigung ist.

Das liegt daran, dass die Wirtschaft vieler Länder innerhalb nur weniger Wochen durch die äußere Kraft der Pandemieeinschränkungen und der durch das Coronavirus ausgelösten Panik von einem gut etablierten Wirtschaftswachstum in einen dramatischen Zusammenbruch rasant geriet. Die Flut an schlechten Daten beschleunigte sich gnadenlos, und im Hintergrund tobte oft ein dramatischer Kampf um die Gesundheit und das Leben der Bürger.

Die Situation erforderte ebenso schnelles und entschiedenes Handeln – mit dem Ziel, nicht nur die Übertragung des Virus, sondern auch die negativen Auswirkungen des Pandemieschocks auf die Wirtschaft zu begrenzen. Die NBP reagierte als eine der ersten Zentralbanken mit einer starken Lockerung der Geldpolitik. Dank der Tatsache, dass wir in den letzten Jahren eine traditionelle, konservative Geldpolitik betrieben haben, hatten wir den nötigen Handlungsspielraum und haben nicht gezögert, die Zinsen fast auf null Prozent zu senken und mit dem Kauf von Anleihen zu beginnen, die vom Schatzamt ausgegeben und garantiert werden.

Obwohl die Entscheidungen sehr schnell und unter Bedingungen großer Unsicherheit getroffen wurden, können wir schon heute feststellen, dass sie zweifellos eine wirksame Stützung für die polnische Wirtschaft waren. Dieser Erfolg spiegelte sich vor allem in den BIP-Daten wider, wonach der Rückgang des Brutto-Inlandsprodukts in Polen mehr als zweimal geringer ausfiel als im europäischen Durchschnitt. Es ist uns auch gelungen, eine Verschlechterung der Lage auf dem Arbeitsmarkt zu vermeiden, was sich unter anderem in der niedrigsten Arbeitslosenquote in der gesamten Europäischen Union zeigt.

Doch so wie die Stärke der Pandemie-Restriktionen ganze Wirtschaftszweige zum plötzlichen Stillstand zwang und in vielen Regionen der Welt die größte Rezession ihrer Geschichte auslöste, führen die deutliche Verbesserung der Pandemiesituation und die schrittweise Aufhebung der Einschränkungen zu einem deutlichen wirtschaftlichen Aufschwung, der auch in Polen spürbar ist. Und während die Richtung des Wandels – glücklicherweise – das Gegenteil des letzten Jahres ist, scheint das Tempo ebenso schwindelerregend zu sein.

Die Daten zur Entwicklung der US-Wirtschaft sind ein gutes Beispiel dafür. Die Wirtschaftswissenschaftler schätzen, dass es in den letzten 70 Jahren durchschnittlich fast 14 Quartale gedauert hat, um die Strecke vom Tiefpunkt der Rezession bis zum vollen Potenzial zurückzulegen. Diesmal könnte es nur sechs Monate dauern – und das, obwohl das Ausmaß des durch die Pandemie verursachten BIP-Rückgangs in den Vereinigten Staaten das höchste in der Nachkriegsgeschichte dieses Landes war.

Die beschleunigte wirtschaftliche Erholung, die in vielen Bereichen auch in Polen zu beobachten ist, ist verständlicherweise ermutigend, stellt aber – wie die starke Verlangsamung vor einem Jahr – auch einige Herausforderungen dar. So gibt es beispielsweise Bedenken, ob die Zentralbanken nicht zu spät auf die sich verbessernden makroökonomischen Daten und Prognosen reagieren werden, was Risiken für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum mit sich bringen würde.

Auch wenn der Kontext dieser Aussagen zeitgemäß ist, sind sie in der Geschichte der Geldpolitik nichts Neues. Schließlich bemerkte schon William McChesney Martin, der Vorsitzende der Fed, der den Aufschwung der Nachkriegszeit von 1951 bis 1970 überwachte, treffend, dass die eigentliche Aufgabe einer Zentralbank darin besteht, “zu wissen, wie man die Bowle wegstellt, wenn die Party in Gang kommt”. Natürlich ist es eine Herausforderung, die optimale Ausstiegsstrategie aus unkonventionellen geldpolitischen Maßnahmen zu bestimmen. Es kann jedoch mit Sicherheit gesagt werden, dass dieser Prozess – sowohl global als auch in Polen – klug über die Zeit hinweg verteilt und als ein Element der Kontinuität der Zentralbankpolitik wahrgenommen werden sollte, die einerseits die Grundlagen des Wachstums nach der Krise nicht untergraben und andererseits nicht zulassen darf, dass sich makroökonomische und finanzielle Ungleichgewichte aufbauen.

Die Erfahrungen, die die NBP vor allem im letzten Jahr gesammelt hat, die entwickelten Analysetools und die Kommunikationskanäle mit dem Markt machen uns bereit für diese Herausforderung. Die Zentralbank hat ihre Effektivität bei der Begrenzung der wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie unter Beweis gestellt und wird sie erneut unter Beweis stellen, indem sie eine umsichtige Politik verfolgt, die die Wirtschaft auf einen Pfad des schnellen Wachstums zurückführt und gleichzeitig die Preisstabilität und das makroökonomische Gleichgewicht aufrechterhält. Wir können jedoch nicht zulassen, dass schnelle Änderungen des Wechselkurses oder der Anleiherenditen unsere Wachstumsaussichten einschränken, da es hier um das Wachstumspotenzial der polnischen Wirtschaft für viele Jahre geht. Deshalb haben wir unsere eigene Währung, den polnischen Zloty, um eine unabhängige und autonome Geldpolitik betreiben zu können, was für uns ein wichtiges Mittel zur Schocks-Dämpfung ist.

Was ist, wenn wir die Pandemie und ihre wirtschaftlichen Folgen bewältigt haben? Wir haben ehrgeizige Pläne für die Zukunft, deren gemeinsamer Nenner darin besteht, den Rückstand zu den wohlhabendsten Ländern aufzuholen. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir nicht nur eine umsichtige Geldpolitik betreiben, sondern auch die Möglichkeiten nutzen, die das Wachstum unserer Devisenreserven bietet.

Als Zentralbank ist die NBP Hüterin eines riesigen Gesamtvermögens in Form von Währungsreserven im Wert von bis zu 133,4 Mrd. €. (Daten Stand Ende Mai 2021). Dank der klugen Verwaltung der Devisenreserven erwirtschaftete die NBP in den Jahren 2016-2020 Gewinne, deren Ausschüttung an den Staatshaushalt 32 Mrd. PLN überstieg, was fast 5% der Bilanzsumme der NBP Ende 2020 entspricht. Mit dem Ziel, die hohe Sicherheit der angelegten Gelder, ihre Liquidität und ihre Rentabilität langfristig zu gewährleisten, hat der Vorstand der NBP im Jahr 2020 eine neue Strategie für das Reservemanagement verabschiedet, die in einer Welt niedriger oder negativer Zinsen in wichtigen Volkswirtschaften besonders wichtig ist. Eine der Säulen unserer Anlagestrategie ist die sukzessive Erhöhung der Goldbestände der Zentralbank, wodurch die mit anderen Anlagen verbundenen Risiken effektiv diversifiziert werden. In den Jahren 2018-2019 hat die NBP bereits 125,7 Tonnen Gold gekauft und damit ihren Goldbestand auf 228,7 Tonnen erhöht, was etwa 8% der offiziellen Währungsreserven entspricht. Der Umfang und das Tempo weiterer Goldkäufe werden von der Wachstumsrate der Währungsreserven der NBP sowie von den zukünftigen makroökonomischen und Marktbedingungen abhängen.

.Wir haben viel erreicht, aber es liegt noch viel vor uns. Deshalb können wir uns nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen – wir müssen Polen umsichtig auf den Pfad des nachhaltigen Wachstums und der Konvergenz führen und unsere wachsenden Währungsreserven klug investieren. Auf dem Spiel stehen eine sichere Zukunft und die weitere Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen von Millionen Polinnen und Polen.

Adam Glapiński

Dieser Inhalt ist urheberrechtlich geschützt. Jede Weiterverbreitung ohne Genehmigung des Autors ist untersagt. 25/06/2021

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