Aleksandra SOWA, Natalia MARSZAŁEK: "I really, really, really like you..."

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I really, really, really like you

Aleksandra SOWA

Leitete zusammen mit dem deutschen Kryptologen Hans Dobbertin das Horst-​​Görtz-​​Institut für Sicherheit in der Informationstechnik. Sowa ist Autorin diverser Bücher und Fachpublikationen und begleitete u.a. als Mitglied der Internet Redaktion die Wahlkampftour des Bundeskanzlers a.D. Gerhard Schröder.

Ryc.: Fabien Clairefond

Andere Texte

Natalia MARSZAŁEK

Absolventin der Fachrichtung Innere Sicherheit mit Spezialgebiet System- und Informationssicherheit. Liest Fantasy. Liebt Hohe Tatra. Schreibt Prosa.

Andere Texte

„Eigenartigerweise kann ein Mann immer sagen,
wie viele Schafe er besitzt, aber er kann nicht sagen,
wie viele Freunde er hat, so gering ist der Wert,
den wir ihnen beimessen.“ (Sokrates)

.Berge, Sommer, Sonne – und Hitze. Mindestens vierzig Grad sind es im Schatten auf der Terrasse eines großen Hotels in Südpolen. Die Terrasse fasst normalerweise 350 Menschen. Heute sind es gefühlt mindestens doppelt so viele. Ein Drittel davon sitzt im Pool.

Ein weiteres Drittel, das keinen Platz im Wasser gefunden hat, sucht die Abkühlung an der Pool-Bar. Dort wird Bier mit Sirup ausgeschenkt. Es ist voll an der Bar. Mit den üblichen Nebenerscheinungen – wenn man Bier und Sonne kombiniert. Es lockert die Atmosphäre auf. Und es lockert die Zunge. Das letzte Drittel sind die Kinder. Für sie ist der Pool zu tief und das Bier … na ja. Das ist nichts für Kinder.

Echte Fans und falscher Busen

.In einer Ecke wird öfters und lauter gekichert als anderswo auf der Terrasse. Drei junge Frauen genießen schon seit einer ganzen Weile das gesüßte Bier. Man hört zu, andere hören mit. Man erfährt, wo der Busen am billigsten zu machen ist (in Wroclaw) und wo es die Busenrekonstruktion auf Kredit gibt (ebenda). Für 12.000 Zloty soll er übrigens zu haben sein. Auf Raten. Ein potenzielles Ergebnis ist direkt in der Ecke der Hotelterrasse zu bewundern.

Ein Mädchen kreist schon eine ganze Weile um die Gruppe junger Frauen herum. Der erste, dann der zweite Annäherungsversuch. Dann nimmt es offenbar all seinen Mut zusammen und … bittet um ein Autogramm. Und darum, per Telefon jemanden zu grüßen. Die Handys sind zur Stelle, Fotos werden geknipst. Wenige Zeit später ist der Fan – und auch die junge Frauen – weg.

Ein halb leeres Bierglas steht verlassen mitten im Durchgang und erinnert an die Besucherinnen.

Spätestens dann beginnt man am Pool zu googeln. Von der deutschen Besessenheit wegen „Störerhaftung“ hat man hierzulande (wie auch fast im ganzen restlichen Europa) glücklicherweise noch nichts gehört. Es gibt freies WLAN. Das Gesicht, irgendwie bekannt. Man kommt dann doch auf den Namen und schaut kurz bei Instagram vorbei. Da sind auch schon die Fotos von der Terrasse. Verwechslung ausgeschlossen.

120.000 Abonnenten auf Instagram, 400.000 Likes auf Facebook, 400 Gäste auf der Hotelterrasse. Und nur ein echter Fan.

Ist doch bitter, oder?

Enge Freunde, echte Freunde…

.Doch wenn man kurz nachdenkt, nicht verwunderlich.

Robin Dunbar, Anthropologe an der University of Oxford, legte in den 1990er-Jahren die sogenannte Dunbar-Zahl („the Dunbar number“) für die Größe menschlicher Netzwerke fest. Das menschliche Gehirn sei auf ca. 150 Individuen ausgelegt, die sein „ego network“ (individuelles soziales Netzwerk) bilden, stellte der Wissenschaftler infolge seiner Forschung an Primaten fest.[1] Die maximale Größe eines Ego-Netzwerks könne aber auch fast doppelt so viele Individuen umfassen.[2] Und die Bezeichnung „Freund“ ist vielschichtig. So hat der Mensch im Schnitt fünf intime Freunde, wozu auch die Familie gehöre. Dazu kämen etwa 15 enge Freunde und 50 gute Freunde. Und schließlich nennt Dunbar noch die Zahl von 1.500 – die durchschnittliche Anzahl von Bekannten, die eine Person habe.

Die Größe eines sozialen Netzwerks eines Menschen ist nicht nur von der Gehirngröße abhängig. Insbesondere die Anzahl der engen oder intimen Freunde – der sogenannte core (Kern) des sozialen Netzwerks – bleibt relativ klein (Tendenz sinkend[3]) und ist von den Ressourcen Zeit und emotionales Kapital bestimmt.

Mit der Verbreitung der Social Network Sites (SNS), wie Facebook, ging die Frage einher, ob die Möglichkeit einer effizienteren Kommunikation mit anderen Menschen über das Internet die Größe des Ego-Netzwerks positiv beeinflussen könnte. Fünf Jahre nach der Gründung von Facebook, im Jahr 2009, stellte der Facebook-Soziologe Cameron Marlow fest, dass die durchschnittliche Anzahl an „Freunden“ im Netzwerk bei 120 Personen lag. Doch gab es damals schon Nutzer, die mehr als 500 Facebook-Freunde verzeichneten.[4]

Marlow beobachtete, dass die Größe des gesamten Freundesnetzwerks kaum Einfluss auf die Größe seines Kerns hat. Der durchschnittliche Facebook-Nutzer interagiert mit durchschnittlich vier Personen (womit E-Mail, Chats etc. gemeint sind) und kommuniziert mit sieben Freunden einseitig (d. h. kommentierte Fotos, Statusmeldungen etc.). Bei den Nutzern mit sehr großen Netzwerken lagen diese Zahlen bei entsprechend nur zehn und 17 Personen.

Linking without thinking

.Inzwischen tendieren die Wissenschaftler zu der Aussage, dass die Anzahl der Menschen, mit denen man über SNS interagieren würde, niedriger sei als die Dunbar-Zahl für die „Offlinebeziehungen“.

Eine im Jahr 2014 in den „Proceedings of the National Academy of Sciences[5] von Robin Dunbar und seinen Kollegen veröffentlichte Studie zeigt, dass ein Mensch nicht nur wenige enge Freunde haben könne. Auch in diesem sozialen Kern komme es immer wieder zu Verschiebungen. Ein neu hinzukommender guter Freund verdränge bisherige enge Freunde.

Dunbar analysierte die Zeit, welche ein Mensch damit verbringt, seine engsten Freunde anzurufen, und wertete dazu die Telefonverbindungsdaten 24 englischer Schüler aus. Eine kleine Zahl besonders enger Freunde wurde überproportional häufig angerufen, stellten die Wissenschaftler fest. Ihre Quantität blieb über die gesamte Dauer der Studie (18 Monate) stabil. Nicht aber die Qualität. Von den ursprünglich 20 engsten Freunden eines Probanden waren bereits sechs Monate später durchschnittlich 41 Prozent durch andere Personen ersetzt. Sobald jemand Neues ins Netzwerk kommt, würden bisherige Mitglieder ersetzt oder weniger häufig angerufen, beobachteten die Forscher um Robin Dunbar.

Diese Ergebnisse, so Dunbar und Co., könnten eine Erklärung dafür liefern, warum auch durch die Effizienzen, welche durch manche Formen der digitalen Kommunikation erzeugt werden, die Anzahl von engen Freunden nicht gesteigert werden könne. Auch in den SNSs konzentriere sich die Kommunikation auf einige wenige Individuen. Es sei dabei ohne Bedeutung, welche Anreize und Methoden der Anbieter für die Organisation der sozialen Kontakte bietet.[6]

Freunde-Hamstern

.Warum „sammeln“ die Nutzer von sozialen Netzwerken trotzdem so viele Freunde und „Follower“?

Eine der Ursachen kann im modernen individuellen Wettbewerb liegen. „Welche ‚Position‘ ein Individuum in der modernen Gesellschaft einnimmt, wird demnach nicht durch Geburt bestimmt und ist nicht das ganze (Erwachsenen-)Leben über stabil, sondern Gegenstand permanenter kompetitiver Aushandlung“, schreibt der deutsche Soziologe, Hartmut Rosa, in seinem Buch Beschleunigung und Entfremdung. Er beobachte „bizarre Formen“ des kompetitiven sozialen Wettbewerbs „auf Internetseiten wie Facebook, MySpace, Twitter und Hot or Not […], auf denen die Menschen ihre Freunde zählen und ihre (physische) Attraktivität anhand von Fotos beurteilen lassen“[7].

Die moderne Gesellschaft ist auf der Suche nach neuen Allokationsformen von Ressourcen, Gütern und Wohlstand. Aber auch von Privilegien und Positionen. Dies trifft einerseits auf die Staaten, Volkswirtschaften und Unternehmen, die stets in politischen, technischen, militärischen, wirtschaftlichen etc. Wettbewerb stehen. Auf der individuellen Ebene gibt es „einen andauernden Konkurrenzkampf um Bildungsabschlüsse und Jobs, Einkommen, Güter zum demonstrativen Konsum, den Erfolg der Kinder, aber auch, am wichtigsten, darum, einen Partner sowie eine Reihe von Freunden zu finden und zu halten“[8].

Deswegen, mutmaßt Rosa, werden die Kontaktanzeigen oft direkt neben den Immobilien- und Auto-Inseraten geschaltet. Und möglicherweise auch deshalb bleiben die Internetprominenten auf den Straße meist unerkannt. Sie werden zu einer Ware. „Eigenartigerweise kann ein Mann immer sagen, wie viele Schafe er besitzt, aber er kann nicht sagen, wie viele Freunde er hat, so gering ist der Wert, den wir ihnen beimessen“, sagte Sokrates. Heute können wir es – dank Facebook. Ob wir diese „Freunde“ allein dadurch wertschätzen, erfordert allerdings weitere Erforschung.

Dr Aleksandra Sowa und Natalia Marszałek

[1] Dambeck, H., 2014. „Soziale Netzwerke: Neue Freunde verdrängen alte Freunde“. In: Spiegel Online, 7.1.2014, http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/psychologie-neue-freunde-verdraengen-alte-freunde-a-941971.html (Zugriff: 7.8.2015).
[2] The Economist. 2009. „Primates on Faceboook“, http://www.economist.com/node/13176775, 26.2.2009 (Zugriff: 13.8.2015).
[3] Ebenda.
[4] Marlow, C., 2009. „Maintained Relationships on Facebook“, http://overstated.net/2009/03/09, 9.3.2009 (Zugriff: 13.8.2015).
[5] Jari Saramäki, E. A. Leicht, Eduardo López, Sam G. B. Roberts, Felix Reed-Tsochas and Robin I. M. Dunbar. 2013. „Persistence of social signatures in human communication“. In: Proceedings of the National Academy of Sciences, vol. 111 no. 3, 942–947 (http://www.pnas.org/content/111/3/942.abstract, Zugriff: 7.8.2015).
[6] Ebenda.
[7] Rosa, Hartmut, 2014. „Beschleunigung und Entfremdung“, Suhrkamp: Berlin, S. 37.
[8] Ebenda.

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