Filip GAŃCZAK: Die Stadt Szczecin (Stettin) in den augen der DDR-Führung

Filip GAŃCZAK: Die Stadt Szczecin (Stettin) in den augen der DDR-Führung

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Filip GAŃCZAK

Politikwissenschaftler und Journalist, Mitarbeiter des Instituts für Nationales Gedenken (IPN) in Warschau. Sein Buch »Jan Sehn. Tropiciel nazistów« (deutsche Ausgabe: »Jan Sehn und die Ahndung der Verbrechen von Auschwitz. Eine Biografie«) wurde unter anderem mit dem Internationalen Witold-Pilecki-Preis gewürdigt.

Fot. Magda Varda

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Im Staatswappen der Deutschen Demokratischen Republik befinden sich ein Hammer und ein Zirkel. Das Wappen der Stadt Szczecin zeigt den Kopf eines roten Greifen. Die Hafenmetropole liegt keine 150 Kilometer von Berlin entfernt. Nach dem Zweiten Weltkrieg fiel sie an Polen. Aus Stettin wurde Szczecin. Der rote Greif einerseits, Hammer und Zirkel andererseits, schlugen unterschiedliche Pfade ein – berichtet Filip GAŃCZAK

.Als die Verwaltung der Stadt am 5. Juli 1945 endgültig in polnische Hand überging, reagierten die deutschen Kommunisten tief enttäuscht. Beinahe von einem Tag auf den anderen mussten sie die Odermetropole verlassen, in der einige von ihnen – darunter etwa der Bürgermeister Erich Wiesner – bereits vor dem Zweiten Weltkrieg politisch tätig gewesen waren.

Die DDR, die 1949 aus der damaligen sowjetischen Besatzungszone Deutschlands hervorging, erkannte schnell die neue Ostgrenze mit Polen an. Einige polnische und westdeutsche Quellen legen nahe, dass sich die Machthaber in Ost-Berlin nicht völlig von dem Gedanken verabschiedeten, unter günstigen Bedingungen seien territoriale Änderungen doch noch möglich. Offiziell distanzierte sich die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) aber kategorisch von jeglichem Revisionismus. Selbst in den internen DDR-Unterlagen wurden bei Städten, die ähnlich wie Stettin zu den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches zählten, polnische Ortsnamen verwendet. DDR-Presse und ostdeutsche Literatur lobten die dynamische Entwicklung der Odermetropole nach 1945, auch mit Blick auf den Hafen und den Werftbetrieb.

Insgesamt hielt sich das Interesse Ost-Berlins an der Lage in Szczecin in den ersten 25 Jahren nach Kriegsende allerdings in Grenzen. Lange Zeit unterhielt die DDR keine diplomatische Vertretung in der Stadt. Dieser Umstand sollte nicht folgenlos bleiben, als es im Dezember 1970 an der polnischen Ostseeküste zu einer Arbeiterrevolte kam. Für die Berichterstattung aus dem polnischen Westpommern nach Ost-Berlin war zu diesem Zeitpunkt das DDR-Generalkonsulat Gdańsk (Danzig) zuständig. Die Vertretung beschäftigte sich aber in erster Linie mit den parallel laufenden Protesten in der Dreistadt Gdańsk/Gdynia/Sopot. Über die Entwicklungen in Szczecin informierten die DDR-Diplomaten nur verkürzt und oft verspätet. Etwas schneller reagierte das von Erich Mielke geführte Ministerium für Staatssicherheit (MfS), doch auch hier mangelte es an Hintergrundwissen über die Lage in der Grenzmetropole.

Mit der allmählich wachsenden wirtschaftlichen Bedeutung Westpommerns und der Öffnung der ostdeutsch-polnischen Grenze für den Massentourismus sah sich die DDR-Führung gezwungen, das Netz an diplomatischen Vertretungen in Polen auszubauen. Das 1975 errichtete Generalkonsulat der DDR in Szczecin war zwar schwächer besetzt als die schon länger bestehenden Vertretungen in Wrocław und Gdańsk. Das neue Büro ermöglichte aber eine, aus der Sicht Ost-Berlins, umfangreichere Berichterstattung über die Region, einschließlich der damaligen Woiwodschaften Szczecin, Koszalin, Gorzów Wielkopolski und Piła. Die neue Vertretung gewann beispielsweise im August 1980 enorm an Bedeutung, als es an der polnischen Ostseeküste zu Massenstreiks kam.

Nach dem August 1980 gründete auch das Mielke-Ministerium eine eigene ständige Vertretung in Volkspolen. Die neue Operativgruppe Warschau verfügte in Szczecin über eine Außenstelle. Sowohl das DDR-Generalkonsulat als auch die MfS-Filiale in der Oder-Hafenstadt sollten nie wieder so stark besetzt sein, wie zur Zeit des Kriegsrechts in Polen 1981–1983. Anschließend wurden die diplomatischen und nachrichtendienstlichen Ressourcen der ostdeutschen Vertretung in Szczecin verkleinert – ein möglicher Beleg dafür, dass Ost-Berlin die politische Lage in Volkspolen als stabilisiert einstufte. Ende der 80er Jahre, als sich erneut landesweite Streiks formierten, der „Runde Tisch“ zusammenkam und Konflikte um Hoheitsgebiete in der Pommerschen Bucht auftraten, erfolgte keine Verstärkung der DDR-Vertretungen in Szczecin. Möglicherweise stand dieser Umstand in Zusammenhang mit den internen Krisen der DDR. Diese traten 1989 mit aller Deutlichkeit zu Tage und beschäftigten die politische Führung in Ost-Berlin.

Unabhängig von den erwähnten Personalschwankungen (und der oft vorhandenen sprachlichen Barriere) genossen DDR-Diplomaten in Szczecin als Vertreter eines „Bruderlandes“ viel bessere Arbeitsbedingungen als ihre Kollegen aus blockfreien Staaten oder gar aus NATO-Ländern. Zwar wurde auch das DDR-Generalkonsulat vom polnischen Geheimdienst überwacht. Gleichzeitig standen den ostdeutschen Mitarbeitern in Szczecin aber viele Türen offen. Sie verfügten über einen halbwegs direkten Zugang zur regionalen Staats- und Parteiführung sowie zu den Direktionen in Schlüsselbetrieben, zu den lokalen Presseredaktionen, zu Vertretern von regimetreuen Gewerkschaften und zu weiteren Einrichtungen. Davon profitierten auch diejenigen MfS-Offiziere, die mit Diplomatenstatus akkreditiert waren.

Die polnischen Gesprächspartner versuchten wenig überraschend, den Informationsfluss zu steuern. So tendierten Vertreter der volkspolnischen Staatsmacht beispielsweise dazu, eigene wirtschaftliche Probleme sowie Schwierigkeiten mit der katholischen Kirche und der demokratischen Opposition zu bagatellisieren. In den 70er Jahren übertrugen DDR-Diplomaten in Szczecin diesen amtlichen Optimismus in ihre eigenen Meldungen. Nach dem August 1980 wurde die Berichterstattung aber sehr viel misstrauischer. Das DDR-Generalkonsulat und die MfS-Außenstelle warfen Stanisław Miśkiewicz, dem langjährigen 1. Sekretär des Woiwodschaftskomitees Szczecin der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei, vor, er ignoriere die bestehenden Probleme und ginge nicht entschieden genug gegen die Solidarność vor.

Unter Erich Honecker sprach die DDR-Führung freien Gewerkschaften bis zuletzt das Existenzrecht ab. Konsequenterweise baute das Generalkonsulat in Szczecin keinen Kontakt mit der Solidarność auf. Daran änderte auch die vorübergehende Legalisierung der unabhängigen Gewerkschaft durch die in der Volksrepublik Polen regierenden Kommunisten nichts. Die Anführer der Gewerkschaft Solidarność in Westpommern, Marian Jurczyk und Stanisław Wądołowski, wurden von Ost-Berlin als extremistische Kräfte eingestuft. Etwas wohlwollender urteilte man dagegen über Kazimierz Majdański, den Bischof von Szczecin-Kamień zwischen 1979 und 1992. In den DDR-Unterlagen wurde er meistens als gemäßigter Kirchenvertreter bezeichnet. Er stehe realistischer zur Volksmacht als andere Geistliche, hieß es.

In den letzten anderthalb Jahrzehnten der Volksrepublik Polen widmeten diplomatische und geheimdienstliche Vertreter der DDR nicht nur der Politik in Szczecin, sondern auch der wirtschaftlichen Lage der Region viel Aufmerksamkeit. Letztere wurde nach den Ereignissen vom August 1980 als sehr kritisch bewertet. In der zweiten Hälfte der 80er Jahre nahm man die Häfen in Szczecin und in Świnoujście (Swinemünde) zunehmend als Konkurrenz für den Rostocker Hafen und für den neu errichteten Fährhafen Mukran auf der Insel Rügen wahr.

Trotz ihrer Rolle während der gesellschaftlichen Umbrüche im Dezember 1970, im August 1980 und im Vorfeld der Wende von 1989/90, war die peripher gelegene Hafenstadt Szczecin in keiner Weise Zentrum des politischen und wirtschaftlichen Lebens der Volksrepublik Polen. Abgesehen von den genannten Krisenmomenten landeten Informationen über die örtliche Lage nur selten (und meistens auf Umwegen) auf den Schreibtischen der wichtigsten Entscheidungsträger der DDR. Ost-Berlin sah sich aufgrund der Randlage nicht gezwungen, seine besten Diplomaten und Geheimdienstler in die Hafenstadt zu schicken.

DDR-Vermerke und -Notizen aus Szczecin kamen nicht gerade aus der Feder von ausgewiesenen Polenexperten. Die Berichterstattung übernahmen stattdessen Beamte der mittleren Verwaltungsebene, die ihren Dienst streng nach Vorschrift umsetzten. Diese Mitarbeiter hatten keine Ambitionen, die Erwartungen ihrer Auftraggeber aus Ost-Berlin zu übertreffen und mit dem schematischen Denken von DDR-Parteieliten zu brechen. Die SED-Führung stand, zumindest bis zum Herbst 1989, jeglichen Reformen abneigend gegenüber.

.Aus heutiger Sicht bilden Unterlagen des DDR-Generalkonsulats in Szczecin und der dortigen MfS-Außenstelle eine interessante und detaillierte Chronik über die Ereignisse zwischen 1975 bzw. zwischen 1980 und 1990. Bei kritischer Analyse erweisen sich die Dokumente als eine wertvolle Quelle für Forscher, die sich mit den deutsch-polnischen Beziehungen, aber auch mit der Geschichte Volkspolens und der Region Pommern beschäftigen.

Filip Gańczak

Auszüge aus dem Buch „Gryf, młot i cyrkiel. Szczecin w polityce władz NRD 1970–1990“ [Greif, Hammer und Zirkel. Die Stadt Szczecin (Stettin) in der Politik der DDR-Führung 1970–1990] [LINK]

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