Prof. Wojciech ROSZKOWSKI: Unsere Aufgabe ist es, die Wahrheit über die Geschichte Europas zu verbreiten

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Unsere Aufgabe ist es, die Wahrheit über die Geschichte Europas zu verbreiten

Prof. Wojciech ROSZKOWSKI

Historiker, Ökonom.

Ryc.Fabien Clairefond

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Die russische Erinnerungspolitik, die in letzter Zeit nur scheinbar im neuen Licht durch den Präsidenten Vladimir Putin präsentiert wird, ist meist in Lügen und Aggression begründet. Der aggressive Ton aus dem Kreml, macht eine ruhige Reaktion auf die Lügen schwierig, wir wollen jedoch ohne Emotionen die grundlegenden Fakten zusammentragen, sine ira et studio.

Am Ende des 1. Weltkriegs unterstützten die Länder der Sieger-Entente die Wiederentstehung eines unabhängigen Polens, das infolge des Krieges große Verluste erlitten hatte. Der Krieg wurde zum großen Teil auf Gebieten geführt, die von Polen bevölkert waren und in dem Hundert Tausende von ihnen, gezwungen zum Kampf in den Armeen der Besatzer, ums Leben kamen. Die in dem Krieg besiegten Länder, vor allem Deutschland und Russland, welches im Jahre 1917 ein kommunistisches Land wurde, wollten Polens Unabhängigkeit nicht akzeptieren. Deutschland wurde in Versaille gezwungen, Gebiete an das wiederentstandene Polen abzugeben, während das bolschewistische Russland, welches das russische Imperium in der neuen politischen Staatsform wiederaufbauen wollte, gegen das neu entstehende Polen die Rote Armee schickte. „Der Weg zum Weltfeuer führt durch die Leiche Polens”, schrieb der Leiter der Offensive Michail Tuchatschewski. Unter enormen Verlusten antwortete Polen im Sommer 1920 auf diesen Angriff, und verteidigte gleichzeitig Europa vor der revolutionären Invasion der Roten Armee.

Die Deutsche Weimarer Republik und die UdSSR wollten das Versailler-System stürzen und haben zu diesem Zwecke zwei Abkommen geschlossen: in Rapallo (im April 1922) und in Berlin (im April 1926). Diese Abkommen erlaubten, den Interessen und dem Willen der Siegermächte zuwider, beiden Ländern, die wirtschaftliche und die militärische Macht, die infolge des Krieges geschwächt war, wieder aufzubauen. Aufgrund der geografischen Lage bedeuteten diese Abkommen eine tödliche Gefahr für Polen. Das deutsch-russische Verhältnis wurde während der großen Krise schwächer, insbesondere jedoch, als Hitler an die Macht kam, was Polen ermöglichte, durch die Unterzeichnung der Friedenspakte im Jahre 1934 sowohl mit dem 3. Reich als auch mit der UdSSR seine Sicherheit zu stärken. In den 30er Jahren sah Stalin in der deutschen Nazi-Politik den größten Feind. Er hat scheinbar das Versailler-System und die demokratischen Länder unterstützt, hat jedoch in den 30er Jahren ethnische Massaker im eigenen Land durchgeführt. Unter anderem hat die sowjetische Führung infolge der „Polnischen Operation” in den Jahren 1937-38 ca. 110 Tausend Polen ermordet, die Staatsbürger der UdSSR waren.

Während der Wende 1938/1939 hat die Führung im Kreml erkannt, dass Hitlers aggressive Absichten einen Krieg mit Polen und seinen westlichen Verbündeten entfachen können und dass die UdSSR daraus einen Nutzen ziehen könnte. Kurz vor der Teilung der Tschechoslowakei durch das 3. Reich, hat Stalin auf dem 17. WKP(b)-Kongress im März 1939 eine Rede gehalten, in der er sowohl Frankreich und Großbritannien als auch Deutschland eine Zusammenarbeit angeboten hat.

Im April 1939 hat Moskau London und Paris trilaterale Prognosen angeboten. Gleichzeitig wurde ein Signal nach Berlin gesandt über die Bereitschaft, die Verhältnisse zu normalisieren. Bei der Aufnahme von Gesprächen mit britischen und französischen Diplomaten, hat Stalin auch gegenüber Berlin eine taktische Handlung ausgeführt, indem er den diplomatischen Chef Maxim Litwinow, der jüdischer Herkunft war, durch Wjatscheslaw Molotow ersetzte. Am 25. Juli wurde in Moskau beschlossen, dass das trilaterale Friedensabkommen zwischen Großbritannien, Frankreich und der Sowjetunion nach der Unterzeichnung eines Militärabkommens, in Kraft treten sollte.

Hitler, durch Moskau angetrieben, bot Stalin eine Aufteilung Polens an. Die britisch-französisch-sowjetischen Gespräche in Moskau wurden ausgesetzt und Stalin lud den deutschen Außenminister Joachim von Ribbentrop nach Moskau ein, der am 23. August mit Molotow ein Abkommen unterzeichnete, welches formell ein Friedensvertrag war. Tatsächlich beschrieb jedoch ein zusätzliches Geheimprotokoll zu diesem Abkommen eine Aufteilung der Einflussgebiete in Mitteleuropa und bewies, dass es sich hierbei um ein Bündnis gegen die Länder dieser Region handelte. Stalin hätte den Frieden wählen können, der mit Frankreich und Großbritannien garantiert war. Er wählte jedoch ein Bündnis mit Hitler. Nachdem das 3. Reich Polen vom Westen und Norden am 1. September 1939 angegriffen hatte, hat 16 Tage später die Rote Armee Polen vom Osten her angegriffen. Die sowjetische Invasion auf Polen vom 17. September 1939 war eine Missachtung von vier internationalen Verträgen, an die die UdSSR gebunden war: des polnisch-sowjetischen Friedensabkommens von Riga vom März 1921, des Friedensabkommens vom Mai 1934, des Briand-Kellogg-Paktes vom Juli 1929 und der Londoner Konvention über die Definition der Aggression vom Juli 1933. Trotz formeller Verpflichtungen, haben weder Großbritannien noch Frankreich Handlungen aufgenommen, um Polen zu verteidigen. Die polnische Regierung musste sich im Ausland neu gründen, zuerst in Frankreich und im Jahre 1941 in London.

In den Jahren 1939-41 hat die UdSSR kraft des 2. Ribbentropp-Molotow-Paktes vom 28. September 1939 eng mit dem 3. Reich zusammengearbeitet. Dieser Pakt wurde feierlich „Vertrag über Grenzen und Freundschaft” genannt. Kraft dieses Vertrages lieferte die UdSSR Deutschland große Mengen an Rohstoffen, während Deutschland an Russland hauptsächlich Waffen lieferte. Unabhängig von der deutschen Völkermordpolitik, deren Opfer über 5 Mio. polnische Staatsbürger wurden, darunter ca. 3 Mio. polnische Juden, hat die UdSSR-Führung unter inhumanen Bedingungen fast eine Million Polen an Lager und Zwangssiedlungen deportiert. Ein Großteil der Deportierten hat diese Operation nicht überlebt. Des Weiteren hat, kraft eines Beschlusses der höchsten Führung der UdSSR vom März 1940, die politische Sowjetpolizei ca. 22 Tausend polnische Offiziere in Katyn und an anderen Hinrichtungsorten ermordet. Moskau und Berlin arbeiteten auch kraft der Abkommen zwischen dem Innenministerium des UdSSR und der Gestappo vom Januar und März 1940 bei der Bekämpfung von polnischen Unabhängigkeitsbestrebungen zusammen.

Nach der Niederlage Polens und Frankreichs 1940 brach die erste anti-deutsche Koalition zusammen. Als Deutschland Russland im Juni 1941 überfallen hat, waren Großbritannien und die USA gezwungen, das angeschlagene sowjetische Imperium zu unterstützen. Das 3. Reich zu besiegen war von gemeinsamen Interesse der Großen Drei, und so haben die USA und Großbritannien der UdSSR bei diesem Projekt alle möglichen Hilfsmaßnahmen zukommen lassen, und arrangierten sich mit dem sowjetischen Handlungsmonopol an der östlichen Front. Eine Folge dieses Beschlusses, der Ende 1943 in Teheran geschlossen wurde, war der Einmarsch der Roten Armee gegen Ende des Kriegs in den Gebieten Osteuropas und Deutschland vom Osten her und als dessen Konsequenz das Aufdrängen von kommunistischen Regierungen und eine Sowjetisierung der Länder in diesem Teil Europas.

Nach der Entdeckung der Gräber von Katyn im Frühjahr 1943, stufte der Kreml das polnische Verlangen, die Umstände des Verbrechens aufzuklären als einen feindlichen Akt ein und nutzte diesen Vorwand, um das Verhältnis mit der polnischen Exilregierung in London abzubrechen. 1944 rückte auf polnische Vorkriegsgebiete vom Osten her ein Verbündeter der polnischen Verbündeten, jedoch ein Feind der polnischen Unabhängigkeit. Indem es in die Abhängigkeit von der UdSSR geriet, hat Polen, welches als erstes Land dem deutschen Angriff 1939 die Stirn bot, eine Niederlage im Lager der Sieger erlitten, und zahlte zusätzlich den Preis von horrenden materiellen Verlusten und sechs Millionen Opfer unter den eigenen Staatsbürgern. Für die Polen war die Befreiung von der deutschen Besatzung gleichzeitig der Anfang der kommunistischen Unterdrückung. Das von der UdSSR abhängige Regime beherrschte Polen in den nächsten 45 Jahren und brachte weitere Opfer in der polnischen Gesellschaft.

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.Einen separaten Kommentar erfordern die russischen Lügen über Polens angebliche Mitarbeit beim Holocaust. Vor dem deutschen Überfall im September 1939 ging die polnische Regierung keine Zusammenarbeit mit der antisemitischen Politik des 3. Reichs ein. Während der deutschen Besatzung polnischer Gebiete existierte keine polnische Regierung. Somit fällt die gesamte Verantwortung für den Holocaust auf die deutsche Besatzungsmacht. Natürlich kam auch unter dem Polen Abschaum (genannt „szmalcownicy“) zum Vorschein, der die sich versteckenden Juden verriet, wie in jeder Gesellschaft, die sich unter Extrembedingungen befindet. Einige der szmalcownicy nahmen sogar sporadisch an Massakern teil, wie in Jedwabne. Andererseits haben Tausende von Polen den sich versteckenden Juden geholfen. Viele davon wurden infolge dessen von deutscher Hand hingerichtet, wie die Heldenfamilie Ulm aus Markowa. Es ist jedoch erwähnenswert, dass das besetzte Polen das einzige Land unter der Kontrolle des 3. Reiches war, in dem für das Verstecken von Juden die Todesstrafe galt. Während des Krieges hat die Exilregierung und ihre Geschäftsstellen im besetzten Polen nicht nur den Verrat der sich versteckenden Juden („szmalcownictwo“) verurteilt und diese häufig mit Untergrundtodesstrafen belegt. Sie hat auch mit Hilfe ihrer Mitarbeiter, wie Jan Karski oder Witold Pilecki, die westlichen Verbündeten, leider ohne Erfolg, über die Vernichtung von Juden alarmiert.

Es ist eine Tatsache, dass die sowjetische Offensive dem deutschen Holocaust ein Ende setzte. Tatsache ist auch, dass jüdische Flüchtlinge, die aus den von Deutschland besetzten Gebieten in die UdSSR flohen, üblicherweise den Krieg dort überlebten. Die sowjetische Politik war jedoch gegenüber den Juden nie besonders freundlich. In der UdSSR wurden jüdische Religionsgemeinschaften verfolgt, sogar die Bund-Sozialisten. Die antisemitischen Repressionen aus den Jahren 1948-53 „die Verschwörung der Kreml-Ärzte“ sollten auch erwähnt werden sowie die durch den Kreml überwachten antisemitischen Provokationen in den Satellitenländern, wie Pogrom in Kielce oder in Miskolc in Ungarn 1946. Die UdSSR-Politik gegenüber Israel war in den Jahren 1948–56 zweideutig, und in den Jahren danach eindeutig feindlich.

.Am wichtigsten ist, dass die Befreiung des deutschen Lagers Auschwitz im Januar 1945 zwar ein Verdienst der Roten Armee war. Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass, ohne das Ribbentrop-Molotow-Abkommen von 1939, der Krieg gar nicht ausgebrochen wäre und Millionen von europäischen Juden weiterleben könnten.

Wojciech Roszkowski

Veröffentlichter Text in der monatlichen Ausgabe „Wszystko Co Najważniejsze“, Vol. 19 [LINK], zudem in der L’Opinion und dem Tagesspiegel im Rahmen eines historischen Bildungsprojektes des Instytut Nowych Mediów und der Polska Fundacja Narodowa.

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