Jan ROKITA: Der September 1939 und die polnische Form

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Der September 1939 und die polnische Form

Jan ROKITA

Politischer Philosoph. Oppositioneller in der Volksrepublik Polen, später Abgeordneter im Sejm, ehemaliger Vorsitzender des parlamentarischen Clubs der Bürgerplattform. Heute Hochschuldozent.

Ryc.: Fabien Clairefond

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Der September 1939 war wie düsterer Hohn, mit dem die Geschichte den polnischen Traum von Staat und Unabhängigkeit verspottete.

.In Polen weiß jeder, dass unsere Nation und unser Staat ihr Entstehen eigentlich dem Zweiten Weltkrieg zu verdanken haben. Fast die ganze Elite des Landes wurde ermordet oder wanderte aus (mit Ausnahme jener, die nach dem Krieg dem Kommunismus dienten). Ausgelöscht wurden auch die polnischen Juden, und 1/3 des Staatsgebiets wurde vom Osten in den Westen verschoben. Das Polen der Nachkriegszeit wurde somit zu einem Agrarstaat, das neue Volk wiederum entstand infolge der stalinistischen Industrialisierung und der Migration der Bauern aus den überbevölkerten Dörfern in die geschmacklos und schludrig ausgebauten Städte. Doch der Krieg, der am 1. September vor 80 Jahren begann, verletzte auch die polnische Seele, indem er uns dazu zwang, all jene düsteren Vermutungen und Hypothesen zu unserem Schicksal, die wir auf der Grundlage der Ereignisse des letzten Jahrhunderts aufgestellt hatten, als nationale Wahrheiten anzuerkennen. Diese düsteren Hypothesen und Vermutungen bewahrheiteten sich nämlich während der sechs Kriegsjahre derart, wie dies kaum jemand vorher zu ahnen gewagt hätte. Und deswegen haben sie die Gestalt des heutigen Polentums geprägt.

Zweifellos gab es einen weiteren und entscheidenden Beweis für die Zerbrechlichkeit der polnischen politischen Existenz. Im September 1939 fiel der unabhängige Staat wie ein Kartenhaus zusammen, wenngleich er doch zwei Jahrzehnte zuvor, also zu seiner Geburtsstunde, so viel Kraft gehabt hatte, dass er sich nicht nur der deutschen Besatzung widersetzen, sondern auch militärisch den auf Europa stürmenden bolschewistischen Ansturm aufhalten konnte. Es stellte sich jedoch heraus, dass diese beiden Siege nicht die Beständigkeit polnischen Staates bedeuteten. Die Erfahrung des plötzlichen Zerfalls des Staates und der ihn symbolisierenden „Straße nach Salischtschyky“, über die die polnischen Würdenträger nach Rumänien flüchteten, stellte eine geistige Erschütterung dar. Sie führte nämlich vor Augen, dass Polen Ende des 18. Jahrhunderts nicht durch einen historischen Zufall oder politische Umstände unter seinen Nachbarn aufgeteilt worden war, sondern vielmehr, dass es womöglich für den polnischen Staat nie mehr einen Platz zwischen Deutschland und Russland geben könnte. Der September 1939 war also wie ein düsterer Hohn, mit dem die Geschichte den polnischen Traum von Staat und Unabhängigkeit verspottete. Einen Traum, den Anfang des 20. Jahrhunderts besonders kraftvoll Stanisław Wyspiański äußerte, ein Dramaturg und Maler, der in Polen als Prophet gilt. Sein Konrad schrie im Werk „Wyzwolenie“ [dt. Die Befreiung] die wichtigste polnische Wahrheit heraus: „Ein Volk hat nur das Recht, als Staat zu existieren.“ Der September 1939 zermalmte diese Wahrheit wieder.

Die Aufteilung des Staates durch Deutschland und Sowjetrussland war für viele Polen gleichbedeutend mit einer Niederlage. Zeitgleich führte sie aber auch die Nutzlosigkeit jeglicher Realpolitik vor. Bis 1935 regierte Polen ein Politiker, der in jeder Hinsicht außergewöhnlich war – Józef Piłsudski. Er hinterließ eine optimale (so schien es) Schule politischen Denkens. Sie basierte auf einer diplomatischen Balance zwischen Berlin und Moskau, die durch eine starke Armee gestützt und von westlichen Verbündeten gesichert werden sollte. Polen hatte einen fast familiären Pakt mit Frankreich, im Frühling 1939 wiederum erhielt der Staat eine Sicherheitsgarantie von Großbritannien. All dies war letztendlich keinen Pfifferling wert, die Idee der polnischen Realpolitik wirkte paradox oder gar unsinnig. Die Überzeugung, dass der Staat nicht selber für seine Sicherheit sorgen könne, sowie dass jegliche Bündnisse und Garantien westeuropäischer Staaten nutzlos seien, bildete seitdem den Kanon des polnischen politischen Selbstverständnisses. Deswegen erhielt Papst Johannes Paul II. im Jahre 1979 Beifall auf dem Warschauer Platz Zwycięstwa, als er sich vor einer Million Menschen traute, Worte über Warschau auszusprechen, die aus der Tiefe der polnischen Seele kamen. Er sprach über Warschau, welches „in einem unfairen Kampf in Schutt und Asche gelegt wurde, von den verbündeten Mächten im Stich gelassen.“ Der Papst definierte mit diesen Worten die polnische Form und verkündete sie der Welt.

Wenn also der eigene Staat temporär sein kann und die Realpolitik nutzlos ist, blieb den Polen nur (ein Begriff von Benedett Croce) die „Religion der Freiheit“. Tatsächlich war die polnische Form bereits im 19. Jahrhundert mit ihr verbunden, denn so oft Polen auf politische Vernunft und Realismus setzten, so oft erwies sich dies als inhalts- und erfolglos. Die Polen waren Napoleon bis zum Ende treu, doch der französische Kaiser hielt sein Versprechen nicht ein. Der liberale Konstitutionalismus des Königreichs Polen unter der Herrschaft von Alexander I., dem russischen „Europa-Zaren“, stellte einen inneren Widerspruch dar und mündete in den größten polnischen Aufstand im Jahre 1830. Liberale Freiheiten können nämlich nie in Verbindung mit nationaler Unterdrückung gebracht werden. Der Aufstand wurde niedergeschlagen. Die lehrreiche Erfahrung war die Einsicht, dass das Bündnis mit der französischen Julimonarchie keine Früchte trug. Ähnlich sah es auch mit dem zweiten großen Aufstand im Jahre 1863 aus, bei dem sich die Aufständischen dem Anschein nach „realistisch” vorstellten, der verlängerte geopolitische Arm Napoleons III. im Osten zu werden. Dies war die Zeit, in der sich die polnische Form entwickelte. Diese Form verfolgte ein Ziel, das Stanisław Koźmian in seinem Werk „Teka Stańczyka” [dt. Die Akte von Stańczyk], einer berühmten Spottschrift zur polnischen Aversion gegenüber der Realpolitik, ins Lächerliche zog – „nur ein Aufstand ist Polen.“ Die Polen wurden nicht nur bei den Aufständen von der „Religion der Freiheit“ auf die Probe gestellt, denn auch an der europäischen liberalen Front war dies der Fall: auf den Barrikaden von Paris, Budapest, Berlin oder Palermo. Diese Verbindung zwischen der polnischen Form und der „Religion der Freiheit“ lockerte sich jedoch auf, als nach dem Ersten Weltkrieg der unabhängige polnische Staat, dessen Unabhängigkeit vom Versailler Vertrag gesichert wurde, gegründet wurde. Der September 1939 bewies jedoch abermals, dass Versailles nur ein pseudorealistisches und pseudopolitisches polnisches Hirngespinst war. 

Das Brandmal des Septembers 1939 ist so stark, dass es bis heute präsent ist. Sicherlich spielten die in der polnischen Geschichte bis dato unbekannten deutschen und sowjetischen Repressionen eine Rolle. Die Deutschen, unsere Nachbarn, betrachteten uns als „Untermenschen“ und der berühmte Gelehrte Carl Clauberg meldete 1943 nach Berlin, dass infolge seiner Experimente in Auschwitz das Ziel einer industriellen Sterilisierung slawischer Frauen in naher Zukunft in greifbare Nähe rücken würde. Nur bei uns wurde die Todesstrafe gegenüber all jenen verhängt, die ihrem Nachbarn ein Stück Brot geben wollten – einem Juden. Und obwohl 1989 die politische Vernunft und die Realpolitik doch ihre Stärke bei den Gesprächen der Gewerkschaft „Solidarność” und den Kommunisten am Runden Tisch offenbarte, erwies sich die Beständigkeit der polnischen Form stärker als diese neue polnische Erfahrung. Wir sind eine Nation, die in Eile ein weiteres Mal versucht, ihren Staat aufzubauen. Dabei glauben wir aber nicht mehr, dass er dieses Mal beständig bleiben muss. Wir haben nun zwar auch Bündnisse mit Westeuropa, jedoch bringen wir diesem eine große Dosis an Misstrauen entgegen. Deswegen suchen wir auch stärkere Bindungen zu den USA, die idealistischer, weniger politisch berechnend und (vor allem unter dem in Polen beliebten Donald Trump) unberechenbarer wirken. Wir selber verbreiten stur die moderne Version der „Religion der Freiheit” im Osten, wo wir unsere besondere Mission bei der Verteidigung der Souveränität der Ukrainer, Georgier oder Moldawier sehen. Vor allem aber schauen wir auf unser europäisches Umfeld, da wir aufgrund unserer Erfahrungen stets die ersten Anzeichen einer nahenden politischen Krise wittern. Ja, es stimmt, dass der September 1939 auf eine bestimmte Art und Weise unser politisches Selbstbewusstsein verletzt hat. Aber er hat uns auch beständiger gegenüber den unzähligen Illusionen gemacht, die vor allem die heutige europäische Politik und die EU prägen.

Jan Rokita

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