Barry EICHENGREEN: Polen im Gangnam Style Rhythmus

Polen im Gangnam Style Rhythmus

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Barry EICHENGREEN

Professor für Ökonomie an der University of California in Berkeley, ehemaliger leitender Berater für Wirtschaftspolitik beim Internationalen Währungsfonds, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Centre for Economic Policy Research (CEPR). Autor zahlreicher Veröffentlichungen, u.a. “In Defense of Public Debt”.

Ryc. Fabien CLAIREFOND

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.Die Entwicklung der Wirtschaft Polens war ein unterschätzter Erfolg des letzten Vierteljahrhunderts – unterschätzt zumindest aus der Sicht meines Landes, d.h. der Vereinigten Staaten. Die gesamte Geschichte wird in diesem Fall vom Niveau des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf erzählt. Anfang der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts, zu Beginn des Wirtschaftswandels, war das Durchschnittseinkommen in Polen (in Kaukraftparität ausgedrückt) nur ein Viertel des in der Europäischen Gemeinschaft verzeichneten Durchschnittswerts. Drei Jahrzehnte später, kurz vor dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie, ist das polnische Pro-Kopf-BIP auf über zwei Drittel des in den Ländern des Euro-Währungsgebiets verzeichneten Durchschnitts gestiegen. In dieser Zeit hat sich das Pro-Kopf-Einkommen in Polen (wiederum in Bezug auf Kaufkraftparität) verdreifacht. Außer der Region Ostasiens gibt es nur wenige Volkswirtschaften, die eine solche Leistung vorweisen können.

So bedeutende Fortschritte hat Polen durch die Entwicklung einer diversifizierten und dynamischen Produktionsbasis erzielt. Die Landwirtschaft und der Dienstleistungssektor haben hier sicherlich eine Rolle gespielt, aber die wichtigste Art und Weise, wie Polen ein schnelles Wirtschaftswachstum erreicht hat, war die Erweiterung und Modernisierung des Produktionssektors, das heißt dieses Teils der Wirtschaft, in dem die Wertschöpfung pro Beschäftigten relativ hoch ist. Die Vielfalt der in Polen funktionierenden Produktions-Teilsektoren ist wahrlich beeindruckend – von Lebensmitteln und Getränken, über Auto-Teile, Metallerzeugnisse, Gummi und Kunststoffe, bis hin zu Chemikalien, Maschinen und Elektrogeräten.

In jüngster Zeit hat die polnische Industrie damit begonnen, sich in Richtung digitaler und ökologischer Transformation zu bewegen. Als Reaktion auf den wirtschaftlichen Umbruch durch COVID-19 haben die Unternehmen ihre Anstrengungen zur Einführung fortgeschrittener Produktionslösungen und digitaler Technologien verdoppelt. Im Lande gibt es immer dynamischeren Sektor fortgeschrittener Technologien, mit Start-ups, Venture-Capital-Fonds (Wagniskapital-Fonds) und Forschungs- und Entwicklungslabors, die von solchen Firmen wie Intel und Samsung geführt werden. Darüber hinaus erscheinen neue Investitionen in grüne Technologien, wie Windparks in der Ostsee. Im Rahmen des Europäischen Grünen Deals strebt Polen eine schrittweise Diversifizierung seiner Energiewirtschaft an, indem die Rolle der Kohleförderung und andere Sektoren und Aktivitäten mit hohem CO2-Gehalt eingeschränkt wird.

Bisher lief alles in die richtige Richtung. Von entscheidender Bedeutung ist jedoch die Antwort auf folgende Frage: wie läuft es weiter? Die Erfahrungen anderer Länder mit mittleren Einkommen lassen vermuten, dass Polen noch viel zu tun hat, um seine grüne und digitale Transformation zu vollenden. Zum Vergleich ist es angebracht, das Beispiel Südkoreas anzuführen, dessen Wirtschaft in einigen wesentlichen Aspekten Polen ähnelt, darunter hinsichtlich des ähnlichen Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukts, bescheidener Rohstoffressourcen, der Abhängigkeit von Produktionsexporten und der Demografie. Die Erfahrungen Südkoreas deuten darauf hin, dass es noch viel Raum für die weitere Expansion der polnischen Produktion gibt: der Anteil der Inlandsproduktion am BIP Koreas ist um die Hälfte größer als in Polen.

Polen wird jedoch diese Lücke nicht durch die Verlagerung von Arbeitnehmern in den Produktionssektor schließen müssen – in Wirklichkeit ist der Anteil der in der Produktion beschäftigten Bevölkerung heute schon höher als in Korea – sondern durch die Steigerung der Arbeitsproduktivität (d.h. des Produktionswertes je Beschäftigten). In der Praxis wird Polen, dem Muster Südkoreas folgend, die technologische Leiter in Richtung Erzeugung immer raffinierterer Produkte hinaufklettern müssen. Und eben an dieser Stelle beginnen die wahren Herausforderungen.

Nehmen wir beispielsweise den Bereich Forschung und Entwicklung. Die Ausgaben für F&E in Polen, im Verhältnis zum BIP ausgedrückt, belaufen sich auf nur ein Viertel der für diesen Zweck aufgewendeten Ausgaben in Südkorea. Natürlich ist Südkorea in dieser Hinsicht in gewisser Weise ein sogenannter Ausreißer, d.h. ein von der Norm abweichender Fall, da es im Allgemeinen durch ein hohes Niveau von Forschung und Entwicklung gekennzeichnet ist. Nichtsdestoweniger setzt das Land in dieser Hinsicht einen gewissen Standard dafür an, was notwendig ist, wenn ein Land ernsthaft daran denkt, die technologische Leiter zu erklimmen. In diesem Fall ist eine Unterstützung seitens der Regierung für die Grundlagenforschung unerlässlich, aber auch großzügigere steuerliche Anreize für Unternehmen, um die angewandte Forschung zu fördern. Die „Industrie 4.0”-Initiative der polnischen Regierung und die damit zusammenhängenden Finanzhilfen sind nur ein Anfang solcher Maßnahmen.

Den meistverwendeten Messgrößen zufolge zeichnet sich Polen durch eine relativ hohe Humankapitalquote aus. Um eine echte technologische Macht zu werden, wie es Südkorea geworden ist, muss das Land jedoch viel mehr auf dem Gebiet der Hochschulbildung tun. Obwohl Polen in Bezug auf das Bruttoinlandsprodukt den zwanzigsten Platz unter den größten Volkswirtschaften der Welt einnimmt, gibt es laut dem Times Higher-Education-Ranking keine polnische Einrichtung unter den 500 besten Universitäten der Welt. Zum Vergleich steht die koreanische Seoul National University weltweit an der 54. Stelle, und außer dieser Universität hat Südkorea vier weitere Institutionen, die in den Top 200 eingestuft werden. Selbstverständlich sind solche Ranglisten mit Vorsicht zu genießen, doch zeigen sie die vorrangige Richtung für Investitionen an. Es ist bezeichnend, dass Polen bei seinen Bemühungen um die Entwicklung der Windenergie in der Ostsee die Unterstützung der dänischen Technischen Universität in Anspruch nehmen musste (Platz 185. auf der Times Higher-Education-Liste), um das Spezial-Know-how auf dem Gebiet der Technik von Windenergieanlagen zu gewinnen.

Darüber hinaus ging Südkorea auch im Hinblick auf die geografische Diversifizierung seiner Ausfuhren weiter. Etwa 80 Prozent der polnischen Exporte werden eigentlich auf einen einzigen Markt, d.h. in die EU-Länder ausgeführt. Weniger als 5 Prozent seiner Exporte führt Polen in die Vereinigten Staaten aus, und nur 1 Prozent der polnischen Ausfuhren gehen nach China. Falls also die Europäische Union eine leichte wirtschaftliche „Erkältung” bekommt, wird Polen eine „Lungenentzündung” drohen. Mittlerweile ist ein solches Risiko gegenwärtig realistischer geworden, da die Europäische Union nach der russischen Invasion in der Ukraine vor einer Perspektive noch höheren Energiekosten und wirtschaftlicher Rezession steht.

Der Handelsaustausch Südkoreas ist stärker diversifiziert: ein Viertel der Exporte geht nach China, 15 Prozent in die Vereinigten Staaten, und weitere 5 Prozent nach Japan. Das Gesamtbild der Lage ist zwar komplizierter, da ein Teil der koreanischen Exporte – nach China – Komponenten sind, die in diesem Land montiert und die Endprodukte dann in andere Märkte versandt werden. Dies ändert jedoch nichts an der grundlegenden Feststellung, dass Polen hauptsächlich in die Europäische Union und Südkorea in die Märkte in aller Welt exportiert. Es ist ein wichtiger Hinweis dazu, was Polen jetzt tun muss, nämlich mit seinen wirtschaftlichen Aktivitäten über Europa hinaus zu gehen.

Sowohl Polen als auch Südkorea stehen vor wesentlichen demografischen Herausforderungen und in den beiden Ländern schreitet der Prozess der raschen Alterung der Bevölkerung voran. Es schafft Probleme für das Wirtschaftswachstum, da Mittel, die für Bildung, Forschung und Infrastrukturinvestitionen bestimmt werden könnten, auf die Finanzierung der Renten und der Gesundheitsversorgung ausgerichtet werden müssen. Darüber hinaus sinkt im Ergebnis dieser Prozesse der Prozentsatz der Bevölkerung, der Steuern zahlt, und der Prozentsatz der Einwohner, die Leistungen beziehen, steigt. Polen war jedoch bisher imstande, die sich daraus ergebenden Probleme durch die Zuwanderung und die Beschäftigung von Arbeitnehmern aus der Ukraine, Belarus und anderen Ländern zu mildern. (Gleichzeitig war es mit Sicherheit weniger gastfreundlich gegenüber Flüchtlingen aus anderen „Gegenden”). Südkorea zeichnet sich hingegen durch eine niedrige Toleranz gegenüber der Einwanderung aus, so dass es nicht in der Lage ist, seine Arbeitskräfte auf diese Weise zu ergänzen und den Alterungsprozess zu verlangsamen.

Es soll angemerkt werden, dass der Zufluss von Einwanderern Folgen hat, die bloße Verlangsamung des Alterungsprozesses der Gesellschaft hinausgehen. Einwanderer sind gewissermaßen per Definition Personen, die bereit sind, Risiko einzugehen. Sie sind auch unverhältnismäßig hoch eine Quelle für neue Ideen. Da wo ich lebe, das heißt in der Nähe des Silicon Valley, bringen Einwanderer sowohl das technische Wissen, als auch den Unternehmensgeist mit. Das kürzlich veröffentlichte Buch über die sogenannte „Paypal-Mafia”, d.h. über die Gründer von zwei Start-ups, die später an der Gründung von Dutzenden weiteren erfolgreichen Technologieunternehmen beteiligt waren, erinnert den Leser daran, dass nicht weniger als neun der zehn Gründer, darunter sowohl Elon Musk als auch Peter Thiel, in die Vereinigten Staaten eingewandert waren.

.Aufgrund des Zustroms von Flüchtlingen aus der Ukraine wird die polnische Toleranz für die Einwanderung einer wichtigen Prüfung unterzogen. Die erste Welle von Flüchtlingen, in der es viele Menschen gab, die bereits bestehende Beziehungen zu Polen hatten, wurde mit offenen Armen begrüßt. Es ist jedoch nicht sicher, ob die weiteren Millionen genauso herzlich aufgenommen werden. Ihre Ankunft ist jedoch nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine Chance. Wenn Polen weiterhin die wirtschaftliche und technologische Leiter hochklettern will, sollte es die Fähigkeiten und das Fachwissen dieser Menschen voll ausschöpfen, anstatt die Tür vor ihnen zu schließen.

Barry Eichengreen

Der Text wurde in der monatlichen Meinungszeitschrift „Wszystko co najważniejsze” (Alles, was zählt) und in den Weltmedien im Rahmen des Projekts „Wir erzählen Polen der Welt” veröffentlicht, das in Zusammenarbeit mit der Narodowy Bank Polski (Polnischen Nationalbank, NBP) und dem Institut für Nationales Gedenken durchgeführt wurde.

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