Prof. Adam GLAPIŃSKI: Das polnische Wirtschaftswunder

Das polnische Wirtschaftswunder

Photo of Prof. Adam GLAPIŃSKI

Prof. Adam GLAPIŃSKI

Präsident der Narodowy Bank Polski. Professor für Wirtschaftswissenschaften, Dozent an polnischen und ausländischen Universitäten. Seit den 1990er Jahren bekleidete er wichtige Positionen in der staatlichen Verwaltung. Er führte den Vorsitz in den Aufsichtsräten verschiedener Unternehmer. Seit vielen Jahren ist er bei der NBP als Mitglied des Rates für Geldpolitik und des NBP Vorstands tätig. Mitglied der International Joseph A. Schumpeter Society.

Andere Texte

.Polen hat in den letzten Jahren große wirtschaftliche Erfolge erzielt. In Anbetracht der vielen Widrigkeiten, denen unser Land ausgesetzt war, kann man sagen, dass wir mit einem Wirtschaftswunder zu tun haben. Die polnische Wirtschaft kann schnell und stetig einen Aufholprozess gegenüber den reicheren, europäischen Ländern vollziehen, was zu einer immer höheren Lebensqualität der Polen führt. Gleichzeitig ist zu bedenken, dass wir die Verluste ausgleichen mussten, die sich über lange Jahrzehnte angesammelt hatten und die als Folgen aus der schwierigen Geschichte Polens hervorgingen. Unser Land war 123 Jahre lang von der Weltkarte verschwunden, litt unter zwei Weltkriegen und hat mehrere Jahrzehnte Kommunismus hinter sich. Heutzutage können wir nun mit Genugtuung und Stolz beobachten, wie diese historischen Rückstände abgebaut werden. Darüber hinaus hat sich Polen zu einer Wirtschaft entwickelt, die mit den Herausforderungen hervorragend umgeht und die die Kosten globaler Schocks weniger als andere Länder zu tragen hat. Dies war der Fall bei der globalen Finanzkrise. Und so war es auch im vergangenen Jahr, als die Welt mit der durch die COVID-19-Pandemie verursachten Krise zu kämpfen hatte. Wenn wir nach einem Faktor suchen würden, der für Polens wirtschaftliche Erfolge verantwortlich ist, wäre es nicht schwer, ihn zu identifizieren, das ist der, mit der harten Arbeit der Polen verbundene Ehrgeiz.

Sowohl die jüngste Krise als auch die vorangegangenen Ereignisse zeigen deutlich, dass der Schlüssel zur Überwindung von Schwierigkeiten und zum Erreichen von Fortschritten in vielen verschiedenen Bereichen der große Fleiß und die Energie der Polen war. Es lohnt sich, an den Eifer zu erinnern, mit dem in der Zwischenkriegszeit die politischen, militärischen und wirtschaftlichen Grundlagen des wiedererstandenen Polens geschaffen wurden. Ein wichtiges Element dieser Grundlagen war die Einführung der polnischen Währung – des Zloty -, die zu einer Säule der wirtschaftlichen Sicherheit und der weiteren Entwicklung der polnischen Wirtschaft wurde. Der Zweite Weltkrieg hat die polnischen Bestrebungen und Entwicklungschancen gestoppt und enorme Schäden verursacht. Dann wurden wir vierzig Jahre lang von der Sowjetunion versklavt. Heutzutage sind wir wieder dabei, unsere Position rasch aufzubauen. Und wir machen enorme Fortschritte.

Die derzeitige rasante wirtschaftliche Entwicklung ist dem großen Fleiß der Polen zu verdanken, die jeden Tag mit ihrer harten Arbeit, ihrem Einfallsreichtum und ihrer Fähigkeit, sich an veränderte Bedingungen anzupassen, zum wirtschaftlichen Erfolg ihrer Unternehmen und damit der gesamten Wirtschaft beitragen. Die Polen arbeiten hart – sie sind eine der am härtesten arbeitenden Nationen der Welt – aber das führt zu greifbaren Ergebnissen. Seit 2004, als Polen der Europäischen Union beitrat, ist das BIP um 90 Prozent gestiegen. Unter der derzeitigen Regierungskoalition ist unser Inlandsprodukt um mehr als ein Fünftel gestiegen. Dies ist ein wirklich beeindruckendes Wachstum, das in einem harten Wettbewerbsumfeld erzielt wurde.

Auch die schwierigen Umstände nach dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie haben wir sehr gut gemeistert: Es ist uns nicht nur gelungen, die wirtschaftlichen Verluste zu begrenzen, sondern sind wir auch schnell wieder auf einen dynamischen Wachstumspfad zurückgekehrt. Ermöglicht wurde dies unter anderem durch die schnelle und entschlossene Reaktion der für die Wirtschaft zuständigen Behörden. Der polnische Staat hat mehr als 50 Milliarden Euro für die Bekämpfung der Pandemiekrise zur Verfügung gestellt. Gleichzeitig wurde diese Unterstützung so ausgerichtet, dass die negativen Auswirkungen der Pandemie auf polnische Unternehmen und Familien so wirksam wie möglich gemildert werden konnten. Natürlich sind auch wir von den Folgen der Pandemie nicht verschont geblieben und einige Unternehmen in bestimmten Sektoren und ihre Beschäftigten sind dadurch stark betroffen. Die überwiegende Mehrheit der Unternehmen hat diese Widrigkeiten jedoch bewältigt und kann heute sehr gute Ergebnisse vorweisen, und die Situation der Polen auf dem Arbeitsmarkt ist sehr gut. Dies ist natürlich nicht nur auf die Anti-Krisen-Maßnahmen des Staates zurückzuführen, sondern vor allem auf die gemeinsamen Anstrengungen, die Solidarität und die gegenseitige Hilfe, die sich die Polen in dieser Zeit der Krise entgegengebracht haben. Kurz gesagt, sowohl als Gesellschaft als auch als Wirtschaft haben wir die Herausforderung der Pandemie sehr gut bewältigt. In wirtschaftlicher Hinsicht hat uns unsere eigene Währung sicherlich geholfen. Die geschickte Verwaltung der eigenen Währung und die pragmatische und effiziente Politik der Narodowy Bank Polski können in der heutigen, sich rasch verändernden Weltwirtschaftslage nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Die angegebenen Stärken Polens, die sich in den letzten Jahrzehnten als so wichtig für die Entwicklung unserer Wirtschaft erwiesen haben, werden sicherlich auch in Zukunft eine wichtige Stütze für Polen sein. Wir stehen vor zahlreichen Herausforderungen, die langfristige Maßnahmen erfordern. In diesem Zusammenhang sind zwei Elemente erwähnenswert.

Erstens, die Verteidigung. In dieser Frage müssen rasch entscheidende Fortschritte erzielt werden. Leider ist dies mit erheblichen Investitionen verbunden. In der gegenwärtigen, sehr instabilen Welt können wir es uns jedoch nicht leisten, in diesem Bereich zu sparen. Die wirtschaftliche Entwicklung muss mit der Stärkung des Verteidigungspotentials Polens einhergehen.

Zweitens: Eine große Herausforderung für die polnische Wirtschaft in den kommenden Jahren, wahrscheinlich sogar Jahrzehnten, ist die Umsetzung der so genannten Energiewende. Dieser Wandel erfordert eine erhebliche Steigerung des polnischen Energiepotenzials und eine stärkere Nutzung von Energiequellen, die eine Alternative zur Kohle darstellen. Die Energiewende wird schwierig und kostspielig sein. Trotz ungünstiger Umstände, die aus dem kommunistischen Energiesystem hervorgehen, haben wir in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte bei der Erhöhung des Anteils erneuerbarer Energiequellen gemacht. Es ist jedoch klar, dass dies nicht ausreicht. Solar- und Windenergie sind zu unstetig, um ein ganzes Energiesystem darauf aufzubauen. Um die Rolle der Kohle und der Kohlendioxidemissionen in der polnischen Wirtschaft zu verringern und gleichzeitig die Energieversorgungssicherheit zu gewährleisten, ist eine große und stabile Energiequelle erforderlich, die nur Kernkraftwerke gewährleisten können. Obwohl die Kernenergie in einigen Ländern immer noch auf gesellschaftlichen Widerstand stößt, wächst in letzter Zeit weltweit das Bewusstsein, dass diese Energiequelle eine unverzichtbare Ergänzung des Energiemixes darstellt. Für Polen werden die Investitionen in die Kernenergie eine große finanzielle Herausforderung darstellen, aber ich bin überzeugt, dass wir sie bewältigen werden. Die Regierung plant, die Mittel, die in die Energiewende fließen, durch den Energiewendefonds, der durch die Einnahmen aus den Gebühren für Kohlenstoffemissionszertifikate gespeist wird, deutlich zu erhöhen. Es scheint möglich zu sein, auch ausländische Investoren in diesem Bereich einzubeziehen. Falls erforderlich, wird auch die Zentralbank den Prozess unterstützen, wobei sie natürlich ihre Instrumente einsetzt und im Einklang mit ihrem Mandat handelt.

Kurz gesagt, die Energiewende wird ein schwieriger und kostspieliger Prozess sein, dem wir uns jedoch als zunehmend wohlhabende Wirtschaft und als Mitglied der Europäischen Gemeinschaft nicht entziehen können, insbesondere im Hinblick auf die europäischen Klimaziele. Die Mitgliedschaft in der Europäischen Union bringt auf der einen Seite Vorteile, zwingt uns aber auf der anderen Seite, Kosten zu tragen.

Polen hat durch seinen Beitritt zur EU sicherlich viel gewonnen. Vor allem sind wir zu Nutznießern des Gemeinsamen europäischen Marktes mit freiem Verkehr von Waren, Kapital, Dienstleistungen und Personen geworden. Dies hat unseren Unternehmen enorme Möglichkeiten eröffnet, zu expandieren und ihre Waren in einem Gebiet zu verkaufen, in dem inzwischen fast 450 Millionen Menschen leben. Gleichzeitig begann ausländisches Kapital nach Polen zu fließen, da es das Potenzial unseres Landes sowohl als Produzent als auch als Konsument erkannte, was sich seit Jahren auch in hohen Gewinnen für ausländische Investoren niederschlägt.

Ausländische Investoren schätzen nach wie vor Polens Stärken: politische Sicherheit, stabile Demokratie, bestens ausgebildete Arbeitnehmer, eine immer bessere Infrastruktur und eine angemessene makroökonomische Politik. Gegenwärtig muss die polnische Wirtschaft niemanden mehr von sich überzeugen. Wir sind nicht länger ein “armer Verwandter”, sondern ein zunehmend wohlhabender Partner für unsere europäischen Nachbarn. Gleichzeitig gehören wir der Visegrád -Gruppe und dem Weimarer Dreieck an und fördern die sehr wichtige Drei-Meere-Initiative, so dass wir in vielen internationalen Bereichen aktiv sind.

.Heutzutage gehen die Träume vieler Generationen von Polen in Erfüllung. Polen wird zu einem wirtschaftlich stärkeren Land, das nach dem jahrzehntelangen Kampf gegen ungünstige geopolitische und historische Gegebenheiten seine Position auf der Landkarte Europas systematisch stärkt. Die rasante wirtschaftliche Entwicklung Polens wird auch in den kommenden Jahren nicht aufhören, obwohl viele Herausforderungen vor uns liegen. Aber ich habe keinen Zweifel daran, dass wir mit ihnen umgehen werden.

Adam Glapiński

Dieser Inhalt ist urheberrechtlich geschützt. Jede Weiterverbreitung ohne Genehmigung des Autors ist untersagt. 10/11/2021