Prof. Andrzej NOWAK: Wir standen der großen bolschewistischen Offensive praktisch allein gegenüber 1920: Polnisches „annus mirabilis" Prof. Andrzej NOWAK: Wir standen der großen bolschewistischen Offensive praktisch allein gegenüber 1920: Polnisches „annus mirabilis"

Wir standen der großen bolschewistischen Offensive praktisch allein gegenüber 1920

Es hätte 1989 nicht gegeben, wenn es 1920 nicht gegeben hätte. Beide Jahre verdienen die Bezeichnung „annus mirabilis”.

Der Große Krieg endete für Westeuropa im November 1918. Was bestehen blieb war ein riesiges Trauma und die Frage: Wozu dieses schreckliche Gemetzel? Aus polnischer Perspektive sieht diese Zeit ein wenig anders aus.

Im Jahr 1914 stand Polen nicht auf der Landkarte. Im Großen Krieg gerieten drei Mächte militärisch aneinander, die 120 Jahre zuvor die politische Existenz Polens aufgelöst hatten, nämlich das kaiserliche Russland, Preußen und Österreich. Der Erste Weltkrieg betraf die Bewohner der polnischen Gebiete, die zwischen diesen drei Reichen aufgeteilt waren, nicht weniger als die Franzosen oder die Belgier. Polnische Rekruten wurden in einer Anzahl von etwa zwei Millionen in die drei Armeen der Besatzungsmächte eingezogen. Sie wurden gezwungen, aufeinander zu schießen. Fast 500.000 von ihnen starben. Darüber hinaus starben oder wurden infolge von Kriegsführung und Besatzungspolitik fast 400.000 Zivilisten auf polnischem Boden getötet. Aber die politische Bilanz dieser schrecklichen Erfahrung war positiv: Polen hat seine Unabhängigkeit wiedererlangt.

Geschickt und mit großem Engagement bemühten sich darum noch während des Krieges Politiker und Teilnehmer freiwilliger Formationen, die auf diese Weise den Willen zur Unabhängigkeit der Polen dokumentieren wollten. Józef Piłsudski – Gründer der Polnischen Legionen, die zunächst an der Seite Österreichs gegen den Hauptfeind Russland kämpften – wurde zu einem Symbol dieser militärischen Bemühungen. Roman Dmowski, der polnische Diplomatie an der Seite der Westalliierten organisierte, setzte sich zusammen mit Ignacy Paderewski, einem großen Pianisten, durch, und machte die Frage der Unabhängigkeit Polens zu einer Bedingungen für den Frieden nach der Niederlage Deutschlands. Sie förderten auch die Schaffung einer polnischen Freiwilligenarmee unter der Führung von General Józef Haller an der Seite der französischen Armee.

Frankreich hilft beim Wiederaufbau Polens

Und es geschah: zuerst verlor Russland den Krieg mit Deutschland und Österreich, dann wurden Deutschland und Österreich von der französisch-britischen Allianz, unterstützt durch Amerika, besiegt. Polen erlangte seine Unabhängigkeit im November 1918 wieder. Unter der Leitung von Piłsudski, der das Amt des Staatschefs übernahm, wurde sofort ein Staatsapparat aufgebaut, ein demokratisches Wahlsystem (mit uneingeschränktem Wahlrecht für alle Frauen – bereits im November 1918 – 26 Jahre früher als in Frankreich!) und vor allem das, was in den kommenden Monaten am meisten gebraucht wurde, nämlich eine eigene Armee. Frankreich hat bei diesem Wiederaufbau sehr viel Hilfe geleistet. Es ermöglichte Hallers Armee die Rückkehr in die Heimat. Es verkaufte die für die Ausrüstung der polnischen Armee notwendige militärische Ausstattung. Frankreich schickte auch über 400 eigene Offiziere nach Polen und gründete in Warschau die französische Militärmission unter der Leitung von General Paul Henrys. Unter den französischen Offizieren in Polen war auch der junge Hauptmann Charles de Gaulle, der seine polnischen Kollegen im Rahmen von Kursen in Kutno und Rembertów ausbildete.

Paris brauchte einen Verbündeten östlich von Deutschland – das zwar besiegt wurde, sich aber nicht mit der Niederlage und dem Vertrag von Versailles versöhnte. Frankreichs bisheriger Verbündeter, Russland, wurde von der Revolution ergriffen. Die bolschewistische Regierung verließ die antideutsche Koalition und unterzeichnete im März 1918 in Brest einen Friedensvertrag mit dem Zweiten Reich. Als Deutschland den Krieg an der Westfront verlor, trat Russland, das in seinen Zentren von den Bolschewisten kontrolliert wurde, in den Bürgerkrieg ein. Polen wurde in dieser Situation zu einem „Ersatzverbündeten”, wie die französischen Stabsoffiziere es nannten.

Lenins Pläne zur Eroberung Europas

Bereits im Oktober 1918 beschlossen Lenin und seine Genossen aus dem Politbüro (Trotzki, Stalin und Kamenev) zu versuchen, das Zentrum Europas militärisch zu erobern und nach Deutschland durchzubrechen. Sie wollten die kommunistische Revolution ausweiten und ihr auf dem europäischen Kontinent einen entscheidenden Vorteil verschaffen. Dem im Wege stand das wiedergeborene Polen. Stalin sprach dann von einer „dünnen Zwischenwand”, die die eiserne Faust der Roten Armee ohne Schwierigkeiten durchbrechen würde, um dem deutschen Proletariat eine helfende Hand zu reichen… Im Herbst 1918 wurde die Westfront der Roten Armee für diese Aufgabe geschaffen. Sie besetzte nacheinander die von der deutschen Armee verlassenen Gebiete. Auf den ukrainischen, litauischen und weißrussischen Gebieten bildeten die Bolschewisten gleich eine kommunistische Regierung. In Moskau wurde auch eine sowjetische Regierung für Polen eingesetzt. Sie erreichte jedoch Warschau nicht, weil die Rote Armee auf diesem Marsch gen Westen durch die Polnische Armee aufgehalten wurde. Ab Mitte Februar 1919 begann auf diese Weise ein regulärer sowjetisch-polnischer Krieg.

Die sowjetische Offensive in Richtung Westen schwächte sich in den folgenden Monaten ab, da die Rote Armee ihre Kräfte auf den Bürgerkrieg gegen die „weißen” Russen konzentrieren musste. Piłsudski unternahm dann einen großen Plan zur Schaffung einer Föderation unter Beteiligung Polens, Litauens und der Ukraine, die eine imperiale Reconquista Moskaus verhindern sollte. Leider ist es ihm nicht gelungen, die Litauer dafür zu gewinnen. Er versuchte auch, ein Bündnis mit der für die Unabhängigkeit kämpfenden Ukraine unter der Führung von Simon Petlura einzugehen.

Revolution über die „Leiche des weißen Polens”

Anfang 1920, als die Bolschewisten den Bürgerkrieg praktisch gewonnen hatten, wusste Piłsudski, dass Lenin zu der Idee zurückkehren würde, nach Westen zu marschieren. Und in der Tat erarbeitete der Stab der Roten Armee im Januar 1920 einen Plan für eine solche große Offensive, die Polen zerschlagen sollte. Ab März begannen sich die Kräfte für diesen Angriff, der für Mai geplant war, zu sammeln. Er sollte von der Westfront unter der Leitung von Michail Tuchaczewski aufgeführt werden.

Pilsudski ist diesem Angriff zuvorgekommen indem er die polnische Offensive nach Kiew lenkte. In seinem Bündnis mit Petlura sollte er zum Wiederaufbau einer unabhängigen Ukraine beitragen. Im Mai marschierten polnische Truppen in die ukrainische Hauptstadt ein und übergaben sie der ukrainischen Regierung. Piłsudskis Pläne wurden durch den mächtigen Angriff der sowjetischen Westfront, die sich über Weißrussland gegen Polen aufmachte, sowie durch den raschen Angriff der Reiterarmee von Semjon Budionny im Süden zunichte gemacht. Im Juni begann ein rascher Rückzug der Polnischen Armee, nach Schlägen der viel mächtigeren Roten Armee. Der Hilferuf, den die polnische Regierung an die Westmächte richtete, stieß beim britischen Premierminister David Lloyd George auf absolute Ablehnung. Er wollte so schnell wie möglich eine Einigung mit Sowjetrussland erzielen und war bereit, Polen dafür zu opfern (so der Sinn der von ihm am 11. Juli diktierten sogenannten Curzon-Notiz). Frankreichs Premierminister Alexandre Millerand, ein Ex-Sozialist und Piłsudskis Freund aus den früheren Jahren, wollte Polen helfen, aber ohne Großbritannien konnte er nichts weiter tun, als eine Gruppe neuer Militärspezialisten unter der Leitung von General Maxim Weygand nach Warschau zu schicken.

Polen musste sich der großen bolschewistischen Offensive praktisch allein stellen. Lenin wollte kein Abkommen mit Großbritannien. Er wollte die Revolution nach Berlin bringen – über die „Leiche des weißen Polens”, wie er es in seinem Befehl für die Westfront formulierte. Es gab bereits eine zweite sowjetische Regierung, die für Polen vorbereitet wurde, unter der De-facto-Führung von Feliks Dzierżyński. Von ukrainischer Seite näherte sich die Südwestfront, die von Josef Stalin selbst politisch überwacht wurde. Stalin definierte in einem Nachrichtenaustausch mit Lenin Ende Juli weitere Ziele der Offensive der Roten Armee nach dem Zerfall Polens: Sowjetisierung der Tschechoslowakei, Ungarns, Österreichs, Rumäniens – bis zur Auslösung einer Revolution in Italien.

„Das ist ein absoluter Sieg”

Aber die sowjetischen Truppen wurden aufgehalten. Der von Piłsudski erarbeitete Plan des großen Gegenangriffs erwies sich als wirksam. Am 15. August überquerte eine mächtige Gruppierung der polnischen Armee die gestreckten Kommunikationslinien der Westfront im Vorfeld von Warschau. Die Rote Armee erlitt eine gigantische Niederlage. Hauptmann de Gaulle, der zusammen mit den Polen gegen die bolschewistische Invasion in Europa kämpfte, machte folgenden Vermerk in seinem Tagebuch: „Der Feind, völlig überrascht vom Anblick der Polen in seinem linken Flügel, von denen er glaubte, sie seien in einem Zustand des Zerfalls, leistet nirgendwo ernsthaften Widerstand, flieht in Unordnung auf allen Seiten oder ergibt sich mit ganzen Truppen (…). Ja, das ist ein absoluter Sieg”.

De Gaulle kannte den Kommandeur der sowjetischen Westfront, der diese große Niederlage erlitt, persönlich. Während des Ersten Weltkriegs saß Mikhail Tuchaczewski (als russischer Kriegsgefangener) mit de Gaulle, der ebenfalls in Kriegsgefangenschaft geriet, in einer Zelle eines deutschen Lagers und lernte sogar von ihm Französisch. Er träumte davon, endlich das „rote” Paris zu erreichen. Aber er hat es nicht einmal nach Berlin geschafft. Genauso wie Stalin es nicht nach Prag, Wien und Rom geschafft hat. In der großen Schlacht bei Warschau rettete Polen einen großen Teil Europas vor der Sowjetisierung und verteidigte auch das System von Versailles – für 19 Jahre. Erst die Zusammenarbeit des kommunistischen Totalitarismus in Russland mit dem neuen totalitären System, das in Deutschland entstehen wird, wird es Stalin und Hitler ermöglichen, den Frieden in Europa zu zerstören. Aber die zwei Jahrzehnte der Unabhängigkeit Polens, Litauens, Lettlands, Estlands, der Tschechoslowakei und anderer Länder der Region wurden nicht vergessen. Diese Länder werden sie bis zum Ende fordern. Es hätte 1989 nicht gegeben, wenn es 1920 nicht gegeben hätte. Beide Jahre verdienen die Bezeichnung „annus mirabilis”.

Der Text erscheint zeitgleich im polnischen Magazin „Wszystko Co Najważniejsze” im Rahmen des Projekts, welches zusammen mit dem Institut für Nationales Gedenken (IPN) realisiert wird.

Dieser Inhalt ist urheberrechtlich geschützt. Jede Weiterverbreitung ohne Genehmigung des Autors ist untersagt. 15/08/2020
Tłumaczenie: Instytut Pileckiego - Oddział w Berlinie

Magazyn idei "Wszystko Co Najważniejsze" oczekuje na Państwa w EMPIKach w całym kraju, w Księgarni Polskiej w Paryżu na Saint-Germain, naprawdę dobrych księgarniach w Polsce i ośrodkach polonijnych, a także w miejscach najważniejszych debat, dyskusji, kongresów i miejscach wykuwania idei.

Aktualne oraz wcześniejsze wydania dostępne są także wysyłkowo.

zamawiam