Prof. Wojciech ROSZKOWSKI: Zur Demokratie zwischen den Nationen Europas

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Zur Demokratie zwischen den Nationen Europas

Prof. Wojciech ROSZKOWSKI

Historiker, Ökonom.

Ryc.Fabien Clairefond

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Werfen wir einen Blick auf die Europakarte nach dem Wiener Kongress 1815 und diese nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Wir sehen deutliche Veränderungen: in Mittel- und Osteuropa sind viele neue Staaten entstanden. In der polnischen Tradition ist der Unterschied zwischen dem “Entstehen” des unabhängigen Polens im Jahr 1918 und seiner “Wiedergeburt” sehr deutlich. Jemand, der den ersten Begriff verwendet, ignoriert die Bedeutung des Endes des Ersten Weltkriegs für Polen und sogar übersieht tausend Jahre früherer Geschichte Polens.

Diese Geschichte hatte viele dramatische Wendungen, und das 20. Jahrhundert war von besonderer Überhäufung dieser Dramen geprägt. Ein zu Beginn des 20. Jahrhunderts geborener Pole hatte die Gelegenheit, sich an die Herrschaft der Besatzungsmächte – Österreich-Ungarn, Deutschland und Russland – zu gewöhnen, welche über 120 Jahre lang über polnische Länder herrschten. Er erlebte auch dann im November 1918 die Euphorie der Wiederbelebung des Staates, die Niederlage dieses Staates infolge der deutschen und sowjetischen Invasion im September 1939, den Wiederaufbau des Staates nach 1945 in Form eines totalitären Vasallen der Sowjetunion und schließlich den Zusammenbruch der kommunistischen Regierung und die Geburt eines neuen Polens, das demokratisch ist, obwohl es die Last des 20. Jahrhunderts trägt, mit der Last der Massenmorde, der Deportationen, der Übersiedlungen und der Enteignungen. Nach 1989 wird Polen wiedergeboren, aber die Polen entdecken ihre Identität nur mit Mühe.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts trägt das Polentum das Brandmal all dieser Dramen, und überrascht mit Eigenschaften, die Konsequenz sowohl dieser Dramen sind, als auch der Reaktionen auf diese. Das Schicksal Polens hing weitgehend von seinen mächtigen Nachbarn ab, die es nicht akzeptieren wollten. Aus diesem Grund standen Polen in ihrer Geschichte sehr oft vor einem Dilemma “kämpfen oder nicht kämpfen?”, aber auch “sich anpassen oder nicht?” oder worin und wie man sich anpassen soll, um nicht unterzugehen. Die polnische Hymne beginnt mit den Worten: “Noch ist Polen nicht verloren, solange wir leben”. Das Dilemma bestand jedoch sehr oft darin, wie wir werden möchten, um zu überleben, und wie viel soll es kosten, um auf die eigene Art leben zu können.

Die Geschichte Polens ist ein Wissensschatz über das soziale und politische Leben. Aus der Geschichte der Adelsdemokratie der Ersten Polnischen Republik, d.h. des Staates vor den Teilungen des 18. Jahrhunderts, können die heutigen Demokratien lernen, wie schreckliche Kosten für ein Land entstehen können, in dem Freiheit nicht mit Verantwortung verbunden ist. Trotz der großen Anstrengungen der Reformer, die am 3. Mai 1791 die erste Verfassung in Europa verabschiedeten, teilten die Nachbarmächte unter sich die Erste Republik.

Aus der Geschichte der polnischen nationalen Aufstände des 19. Jahrhunderts lernt man Heldentum, Patriotismus, aber nicht Effektivität, Geopolitik und materielle Einschränkungen der eigenen Träume – aber doch die Überlebenskunst. Von der Wiedergeburt Polens nach 1918 kann man die außergewöhnliche Kunst der Improvisation lernen, und auch die Effektivität beim Aufbau der Grundlagen der Staatlichkeit fast von Grund auf. Zu den polnischen Erfolgen dieser Zeit gehörten beispielsweise die Währungsreform von Władysław Grabski, der Bau des zentralen Industriegebiets oder des Hafens in Gdynia. Aus der Niederlage von 1939 und der deutschen und sowjetischen Besatzung kann man die Kunst des Widerstands gegen die schrecklichsten Praktiken des Genozids lernen. Polen unter kommunistischer Herrschaft und in Friedenszeiten war eine höllische Erfahrung der Anpassung an das System trotz natürlicher Neigungen, aus der die Polen geistig schwer verletzt hervorgingen. Dank der zehn Millionen Mitglieder zählenden Solidarność-Bewegung und der Unterstützung des polnischen Papstes Johannes Paul II waren sie am Ende siegreich, womit sie die Fundamente der Teilung Europas zerbrachen.

Der Wiederaufbau des Staates nach 1989 war voll ungenützter Möglichkeiten, geprägt von der Abhängigkeit vom ausländischen Kapital und der postkommunistischen Eliten mit Vasallenmentalität, aber es ist gelungen, recht sicher in die Europäische Union einzutreten und die Sicherheit durch den Betritt zu NATO zu stärken, worüber fast alle Polen gleicher Meinung waren. Polen bleibt ein Land, das viele Gegner hat. Und doch haben im Frühjahr 2020 die polnischen Behörden und ihre nächsten südlichen Nachbarn die Ausbreitung der Coronavirus-Pandemie in dem Ausmaß verhindert, von dem hochentwickelte westliche Länder betroffen waren. In Polen, das von falschen Meinungen in den Gremien der Europäischen Union geplagt wird, wird die Mitgliedschaft allgemein nicht in Frage gestellt. Die Tatsache, dass das Gleichgewicht des Wirtschaftsumsatzes mit den EU-Ländern für Polen ungünstig ist, da der Export von Gewinnen ständig höher ist als die EU-Subventionen, macht keinen großen Eindruck. Darüber hinaus provoziert sinnloser EU-Druck eher Widerstand als Einschüchterung der Polen und stärkt den gesunden Menschenverstand in Bezug auf die politische Realität.

Trotz dem Druck und den Moden, die aus dem “progressiven” Westen kommen, der selber eigene Probleme oft nicht merkt, binden traditionelle Werte immer noch die polnische Gesellschaft. Die Bindung an das Familienleben kann sich aus der Bedeutung familiärer Bindungen im ehemaligen Adelspolens und aus der Erinnerung an die Bedrohung der polnischen Familie unter den Teilungen sowie während des letzten Krieges und der Besetzung ergeben. Der Respekt für Frauen, der sich im alten Brauch ausdrückt, ihre Hand zu küssen, kommt aus der ziemlich unabhängigen Rolle der Frauen in der Ersten Republik und ihrer Bedeutung während der Teilungen und sogar unter der kommunistischen Herrschaft, als diese “polnische Mütter” tapfer in den Warteschlangen kämpften, um das Haus zu versorgen. Die Liebe zur Freiheit ist in Polen besonders stark, wenn man berücksichtigt, wie lange den Polen diese Freiheit in den letzten zwei Jahrhunderten fehlte. Außerdem können die Polen stolz darauf sein, dass ihre ehemalige polnisch-litauische Republik eine Oase der Adelsdemokratie war. So war es in der Zeit, als nur sehr begrenzte Kreise der Aristokratie Einfluss auf die Regierungen westlicher Länder hatten.

Im Allgemeinen reagieren die Polen sehr lebhaft auf die Erhöhung oder Demütigung der polnischen Wesensart. Wenn sie kritische Bemerkungen hören, verteidigen sie sich heftig, aber wenn jemand eine übertriebene Apotheose des Polentums verkündet, beschweren sie sich über ihr Land. Dies beweist, dass sie ihre polnische Wesensart ernst nehmen, aber infolgedessen oft extreme Beurteilungen abgeben. Die Geschichte hat sie gelehrt, sich der Lüge zu widersetzen, die sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft zusammenhängt betrifft.

prof. Wojciech Roszkowski

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