Jarosław SZAREK: Der unerschöpfliche polnische Geist

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Der unerschöpfliche polnische Geist

Jarosław SZAREK

Leiter des Instituts für Nationales Gedenken.

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Seit 1795 ohne eigenen Staat haben wir, Polen, im 19. Jahrhundert nicht nur unsere nationale Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft erbaut, aber auch solchen Geisteszustand geschaffen, der mehrere in der Knechtschaft geborene Generationen angespornt hat, immer noch an das unabhängige Polen zu denken.

Im November 1918 hat viele Hauptstädte der Welt – von Washington bis Tokio – die telegraphische Nachricht aus Warschau erreicht, welche die Wiedergeburt der Republik Polen verkündete. Es wurde darin informiert, dass die polnische Regierung „die Gewaltherrschaft ersetzt hat, die hundert vierzig Jahre lang über dem Schicksal Polens lastete“.

Symbolisch wurde die Tatsache, dass diese Nachricht über die Auferstehung des unabhängigen Staates aus dem Ort gesendet wurde, welcher der Inbegriff der Fremdherrschaft war – der Warschauer Zitadelle, die von den Russen nach der Niederschlagung des Novemberaufstandes 1830 gebaut wurde. Dort wurden diese Polen verhaftet und hingerichtet, die die Knechtschaft der Nation nicht akzeptieren konnten. Unter diesen Häftlingen war auch der Oberste Befehlshaber Józef Piłsudski, der die obengenannte Nachricht unterzeichnet hat.

„Die Wiederherstellung der Unabhängigkeit und Souveränität Polens“ wurde möglich, weil die Polen zu diesem Wendepunkt schon bereit waren, die Strukturen eines unabhängigen Staates aufzubauen und über genug Kraft verfügten, um diesen Staat in den folgenden Jahren erfolgreich zu verteidigen. Seit fünf Generationen – ab 1795 – strebten sie dieses Ziel an, immer in der Anstrengung ausharrend, um den Traum von der unabhängigen Heimat zu verwirklichen.

Über ein Jahrhundert lang gab es Leute, die zu dieser Anstrengung bereit waren. Oft trugen diese Fahne nur wenige, die nicht nur mit den fremden Eroberern Kräfte messen mussten, aber auch mit den Landsleuten, die den Glauben an den Sieg verloren, gleichgültig wurden oder sogar die Nation verrieten. Wie oft während der Knechtschaft musste man den bitteren Geschmack der Niederlage überwinden, als alles zeigte, dass die Worte „finis Poloniae“ in Erfüllung gingen?

Bereits 1797 wurde unter den Soldaten-Auswanderern in Italien, die als erste in den an der Seite Napoleons und Frankreichs gebildeten polnischen Legionen kämpften, ein Lied entstanden, das Hoffnung brachte. Seine Worte „Noch ist Polen nicht verloren, solange wir leben…“ – sind heute unsere Nationalhymne, und die nachfolgenden Worte „Was uns die fremde Übermacht genommen hat, holen wir uns mit dem Säbel zurück…“ bestimmten das Programm des bewaffneten Kampfes in nationalen Aufständen. 

Die größten – im November 1830 und im Januar 1863 – richteten sich gegen Russland endeten mit den blutigen Repressionen, der Deportation von Tausenden der Aufständischen nach Sibirien, der Beschlagnahme von Eigentum, dem Verlust vieler Institutionen und Rechte und der Einführung einer brutalen Russifizierung.

Ununterbrochen überdauerte aber der polnische Geist in den Familien, in den Häusern, wo Mütter den Kindern das Vaterunser beibrachten und von alten, ruhmreichen Zeiten und stolzen Helden erzählten. Sie beteten zur “Heiligen Jungfrau, die den Tschenstochauer Kloster am Hellen Berg verteidigt und im Tor der Morgenröte in Wilna leuchtet” und pilgerten zu diesen heiligen Stätten. Die Kirche unterstützte diesen Geist, und nie mangelte es an Priestern, die das Schicksal der Nation teilten, Schulen errichteten, den aufständischen Einheiten beitraten, um mit ihnen in Sibirien oder am Galgen zu enden.

Militärische Niederlagen und Repressionen leiteten die Polen zu anderen Aktivitäten. Sie suchten nach Möglichkeiten und hatten Erfolge in der Wirtschaft, Wissenschaft und Bildung. Ihre Spuren finden wir heute an den Karten und in den wissenschaftlichen Publikationen. Nach diesen, die nach dem Januaraufstand 1863 nach Sibirien deportiert wurden, wurden Czerski-, Dybowski- und Ciechanowski-Gebirge genannt. Andererseits stoßen wir im fernen Chile fast überall auf die Erinnerung an Ignacy Domeyko – einen Auswanderer, der nach der Niederlage des Novemberaufstandes gezwungen war, seine Heimat zu verlassen.

Zu gleicher Zeit wurden in der Heimat Wirtschaftsverbände, Banken, landwirtschaftliche Unternehmen, Bibliotheken und wissenschaftliche Vereinigungen von oftmals ehemaligen Aufständischen gegründet. Es stellte sich heraus, dass sie trotz Repressionen den polnischen Landbesitz und das Netzwerk eigener Institutionen wirksam bewahrten. Es gab viele, die – auch im Dienst der Besatzungsmächte – für ihre Heimat arbeiteten.

Die nächsten Generationen ohne einen eigenen Staat fühlten sich nicht nur immer noch als Polen, sondern waren auch bereit, vieles für ihre Heimat zu opfern. Das Gedächtnis und die Kultur dauerten an, in ihnen drückte sich die der Unabhängigkeit beraubte Nation aus. Die herausragendsten Werke, die während der Besatzung entstanden sind, bilden immer noch den nationalen Kanon. Dazu gehören die Werke der großen romantischen Dichter, die im Ausland arbeiteten: Adam Mickiewicz, Juliusz Słowacki und Zygmunt Krasiński. Über die Grenzen geschmuggelt, durch Zensur verboten, weckten sie die weiteren Generationen der Polen auf, genauso wie die erzpolnischen Werke des Komponisten und Pianisten Fryderyk Chopin, die aus der Sehnsucht nach Polen hervorgingen. Seine Musik berührt immer noch Millionen von Menschen auf der ganzen Welt.

Polen existierte nicht auf der Karte Europas, als Maria Curie-Skłodowska als erste Polin und erste Frau, die den Nobelpreis erhielt, das von ihr entdeckte Element als „Polonium“ bezeichnete und die „polnische“ Präsenz dauerhaft in das Periodensystem einschrieb. Zwei Jahre später – 1905 – wurde dem Autor von „Quo vadis?“ Henryk Sienkiewicz der Nobelpreis für Literatur verliehen. Damals war er der meistgelesene Schriftsteller von Russland bis nach USA. Während der Nobelpreisgala sprach er über seine Heimat: „Sie wurde für tot erklärt, und dies ist einer der tausenden Beweise dafür, dass sie lebt. Sie wurde für erobert erklärt, und hier ist ein neuer Beweis dafür, dass sie weiß, wie man gewinnt“. Im Geiste seiner „Trilogie“ – eines Romans, der die Kriege der Republik Polen mit den Türken, Schweden und Kosaken im 17. Jahrhundert beschreibt – wurde eine ganze polnische Armee erzogen, gegen welche die Besatzungsmächte mehrmals kämpfen mussten. Viele junge Leute, die im Ersten Weltkrieg den Legionen von Piłsudski oder der von den polnischen Auswanderern in den USA gebildeten Armee beitraten, hatten Bücher von Sienkiewicz in ihren Rucksäcken. Sie waren bereit, für Polen zu kämpfen und zu sterben, obwohl sogar ihre Großeltern es nie frei gesehen haben. 

Polen war auch in den Gemälden der historischen Maler lebendig. Einer der originellsten, Jacek Malczewski, rief aus: „Malt so, dass Polen wieder auferstehen kann“. Ein Jahr nach dem Tod des beliebtesten von ihnen –Jan Matejko – wurde in Lemberg eine Ausstellung seiner Werke organisiert. Es war gerade der hundertste Jahrestag der Schlacht von Racławice im Jahr 1794. Dort siegte über die Russen die polnische Armee, unterstützt von Bauerntruppen, geführt von Tadeusz Kościuszko, dem Helden des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges.

In einer speziell erbauten Rotunde wurde ein monumentales Gemälde von Jan Styka und Wojciech Kossak gezeigt, das über hundert Meter lang ist und den siegreichen Kampf gegen die Russen darstellt. Unzählige Polen legten Hunderte Kilometer zurück, um es anzuschauen. Sie flüsterten in Bewunderung: „Es ist kein Bild, es ist eine Tat.“ Wir können nicht berechnen, wie viele von diesen Tausenden junger Menschen, oft aus fernen Dörfern, zu Polen wurden. Sie erschufen eine moderne Nation, eine Nation noch ohne eigenen Staat, aber wie reich an Kultur und Bräuchen. Dank ihnen nicht nur dauerte das Polentum an, aber zu Polen wurden auch die Enkelkinder dieser, die aus Nachbarländern kamen, um Polen zu germanisieren und zu russifizieren. Polen verführte sie mit ihrem „unerschöpflichen Geist“. Aus ihm ist die Tat des 11. November 1918 entstanden, die uns das unabhängige Polen gebracht hat.

Jarosław Szarek

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